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Full text of "Amor und Psyche; Märchen von Apulejus. Übertragen von Eduard Norden, mit Buchschmuck von Walter Tiemann"

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Verlegt  bei  Hermann 
Seemann  Nachfolger 
in   Leipzig  ®  1902  ^ 


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Erstes  Kapitel  &&^ 
Psyches  Verurteilung 

S  war  einmal  in  einer  Stadt  ein  König 
und  eine  Königin;  die  hatten  drei  schöne 
Töchter.  Zwar  war  auch  der  Liebreiz 
der  beiden  älteren  gross,  aber  doch  von 
Mensclienart,  so  dass  Menschenzungen 
sie  noch  zu  preisen  vermochten.  Aber 
die  Jüngste,  die  war  so  wunderschön, 
dass  es  schier  unmöglich  wäre,  mit  der  Armut  irdischer  Sprache 
ein  auch  nur  annäherndes  Bild  davon  zu  geben.  So  kamen  denn 
gar  viele  Jünglinge  von  nah  und  fern  herbei,  neugierig  gemacht 
durch  die  Erzählungen  von  dem  Wunderwerk;  ganz  versunken  in 
Staunen  ob  solch  übermenschlicher  Herrlichkeit  beugten  sie  vor  ihr, 
als  wäre  sie  die  Göttin  Venus,  zum  Zeichen  ihrer  Adoration  die 
Kniee.  Schon  verbreitete  sich  durch  die  benachbarten  Städte  und 
Reiche  die  Kunde,  dass  die  Göttin,  die  der  dunkle  Schoss  der  Meeres- 
tiefe geboren  und  der  Tau  der  schäumenden  Wogen  genährt,  jetzt 
das  Anschauen  ihrer  Majestät  in  der  Fülle  ihrer  Gnaden  allgemein 
gewähre  und  inmitten  der  Menschen  wandle;  andre  glaubten,  dass, 
wie  einst  das  Meer,  so  jetzt  die  Erde,  von  frischem  Himmelstau  be- 
fruchtet worden  und  ihrem  Schoss  eine  neue  Venus  entstiegen  sei, 
die  jetzt  in  der  Pracht  jungfräulicher  Blüten  prange.  So  verbreitete 
sich  von  Tag  zu  Tag  ihr  Ruf  und  wanderte  über  Land  und  Meer  in 

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weite  Fernen.  Schon  wallfahrtete  man  sogar  aus  fremden  Ländern 
und  über  des  Oceans  Pfade  scharenweis  zu  diesem  berühmten 
Wunder  der  Welt.  Keiner  fuhr  nach  Paphos,  keiner  nach  Knidos 
oder  Kythera,  um  Venus  die  Göttin  zu  schauen.  Unbesucht 
blieben  die  Feste  der  Himmelsfürstin,  ohne  Glanz  ihre  Tempel;  ver- 
lassen ihre  Pfühle,  vernachlässigt  die  Opferbräuche;  kein  Kranz 
schmückte  ihre  Bildnisse  und  kalte  Asche  entweihte  die  verwaisten 
Altäre.  Nur  zu  jenem  Mädchen  stiegen  Gebete  empor,  ein  Menschen- 
antlitz wars,  in  dem  man  einer  Göttin  Majestät  verehrte;  wenn  die 
Jungfrau  morgens  aus  dem  Hause  trat,  rief  man  Venus,  die  doch 
fern  war,  um  Gnade  an  und  veranstaltete  Opfer  mit  Festschmäusen, 
und  wenn  sie  durch  die  Strassen  wandelte,  streute  man  ihr  Blumen 
und  Kränze  auf  den  Weg.  Diese  masslose  Uebertragung  himm- 
lischer Ehren  auf  ein  sterbliches  Mädchen  entfachte  die  wahre 
Venus  zu  grimmigem  Zorn;  voller  Unwillen  schüttelte  sie  ihr  Haupt 
und  sprach  murrend  so  zu  sich  selber:  „Also  ich,  der  Welt  Urmutter, 
ich,  der  Elemente  Uranfang,  ich,  des  Erdkreises  Herrin  soll  mit  einer 
Sterblichen  meine  Hoheitsrechte  teilen,  meinen  geheiligten  Namen 
in  den  Staub  der  Erdenwelt  treten  lassen  und  abwarten,  was  bei 
der  gemeinsamen  Verehrung  meine  Stellvertreterin  mir  übrig  lassen 
wird?  als  mein  Ebenbild  soll  auf  Erden  wandeln  dürfen  ein  dem 
Tod  verfallenes  Menschenkind?  Umsonst  wars  also,  dass  mir  Paris 
den  Preis  der  Schönheit  vor  den  beiden  grossen  Göttinnen  zuer- 
kannt und  sein  unparteiisches  Urteil  die  Bestätigung  des  Götter- 
königs erhalten  hat?  Doch  nein:  ihr  solls  nicht  gut  bekommen, 
meine  Ehren  sich  angemasst  zu  haben:  bald  soll  die  unerlaubte 
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Schönheit  sie  gereun!"  Sogleich  rief  sie  ihren 
Sohn,  den  Flügeiknaben,  so  einen  rechten 
Tollkopf,  der  sich  in  seiner  Ungezogenheit 
nichts  aus  der  Polizeiordnung  macht,  sondern  mit  Fackeln  und 
Pfeilen  ungestraft  bei  Nacht  durch  fremde  Häuser  streicht, 
ein  nichtsnutziger  Störenfried  des  Familienglücks,  überhaupt  der 
richtige  Thunichtgut.  Diesen  Ausbund  von  Sohn  stachelte  sie 
noch  obendrein  mit  Worten  auf,  führte  ihn  zu  der  Stadt  und  zeigte 
ihm  Psyche:  so  hiess  die  Prinzessin.  Darauf  erzählte  sie  ihm  aus- 
führlich von  dieser  ihrer  Rivalin  und  sprach  bebend  vor  Zorn:  „In- 
ständigst bitt'  ich  dich  bei  meiner  Mutterliebe,  bei  deiner  Pfeile  won- 
niglichen Wunden,  bei  deiner  Fackel  süssem  Brand:  gewähre  deiner 
Mutter  Genugthuung,  und  zwar  volle;  schreite  streng  ein  gegen  die 
hochmütige  Schönheit;  lass  sie  vor  allen  Dingen  in  glühender  Liebe  zu 
einem  Menschen  entbrennen,  den  das  Schicksal  zu  Schande  und  Armut 
verdammt    hat,    kurz   zu    einem   so   Elenden,    dass   seinesgleichen 

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nicht  auf  dem  ganzen  Erdenrund  zu  finden 
sei."  Darauf  herzte  und  küsste  sie  ihren 
Sohn  lang  und  innig,  und  eilte  zur  nahen 
Küste  des  brandenden  Meeres.  Und  siehe,  eben  erst  hatten 
ihre  rosigen  Sohlen  den  Schaum  der  gekräuselten  Wogen  berührt, 
als  sie  sich  auch  schon  auf  dem  trockenen  Meeresspiegel 
niederlassen  konnte;  gleich  war  auch  auf  ihren  blossen  Wunsch, 
als  wäre  es  längst  befohlen  gewesen,  ihr  Gefolge  dienstbereit 
zur  Stelle:  die  Mixen  im  Chor  singend,  der  Hafengott  mit  seinen  bläu- 
lichen Bartzotteln,  des  Oceans  Gemahlin,  den  Schoss  von  Fischen 
schwer,  und  ihr  kleiner  Sohn,  auf  einem  Delphine  reitend;  schon 
tummelten  sich  auf  den  Wogen  die  Scharen  der  Meertrabanten: 
sanft  blies  auf  tönender  Muschel  der  eine,  ein  anderer  wehrte  mit 
seidenem  Schirm  der  feindlichen  Glut  der  Sonne,  ein  dritter  hielt 
einen  Spiegel  der  Herrin  vor  Augen,  andere  zogen  schwimmend  zu 
zweit  den  Wagen.  So  ward  Venus  auf  ihrer  Reise  zum  Ocean  be- 
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gleitet  von  ihrem  Gefolge,  indessen  hatte  Psyche  von  all  ihrer 
strahlenden  Schönheit  keinen  Gewinn.  Aller  Augen  ruhten  auf  ihr, 
aller  Mund  pries  sie:  aber  niemand,  kein  König,  kein  Prinz,  nicht 
einmal  ein  Mann  aus  dem  Volke  kam  mit  dem  Wunsch,  sie  zu 
freien.  Sie  bewunderten  alle  die  Götterfigur,  aber  nur  wie  ein 
kunstreich  gefertigtes  Bildnis.  Längst  hatten  sich  die  beiden  älteren 
Schwestern,  deren  Schönheit  nicht  so  gross  war,  dass  sie  deswegen 
ins  Gerede  der  Menschen  gekommen  wären,  mit  Königen  verlobt 
und  glücklich  verheiratet.  Aber  Psyche  sass  einsam  und  allein  als 
Jungfrau  noch  immer  zu  Hause,  weinte  bitterlich  ob  ihrer  Verlassen- 
heit —  siech  am  Körper,  wund  am  Herzen  — ,  und  hasste  ihre  Schön- 
heit, die  allen  wohlgefiel.  So  kam  ihr  unglücklicher  Vater  auf  die 
Vermutung,  der  Himmel  grolle  ihr,  und  befragte  aus  Furcht  vor 
seinem  Zorn  das  uralte  Orakel  des  Gottes  in  Milet;  mit  Opfern  und 
Gebeten  erflehte  er  von  dessen  Majestät  ein  Ehgemahl  der  unge- 
liebten Jungfrau.  Darauf  erhielt  er  ein  Orakel,  welches  also  lautete: 
„König,  stelle  die  Maid  auf  des  Berges  ragenden  Gipfel, 

Düsteren  Schmuck  des  Grabs  gieb  ihr  als  bräutlich  Gewand. 
Nimmer  erwarte,  dir  werde  zum  Eidam  ein  sterblich  Gebor'ner: 

Grausam  ist  er  und  wild,  giftig,  ein  böser  Gesell. 
Hoch  zu  dem  Aether  schwebt  er,  das  All  sucht  heim  er  mit  Plagen, 

Jegliches  Wesen  der  Welt  lähmt  er  mit  Feuer  und  Schwert. 
Jupiter  selbst  erzittert  vor  ihm,  er  schreckt  die  Dämonen, 

Furchtbar  steigt  er  ins  Meer  und  in  die  höllische  Nacht." 
Mit  diesem  Prophetenspruch  kehrte  der  einst  so  glückliche  König 
voll  Grams  nach  Hause  zurück  und  enthüllte  seiner  Gemahlin  den 

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unseligen  Bescheid  des  Orakels.  Da  ward  ein  Trauern  und  ein 
jammern;  das  dauerte  gar  manchen  Tag.  Aber  der  unheilvolle 
Spruch  drängte  zur  grausen  Erfüllung:  schon  ward  der  ärmsten 
Jungfrau  die  Todeshochzeit  gerüstet,  schon  schwälte  das  Licht  der 
bräutlichen  Fackel  in  schwarzem  Aschenrusse;  der  Ton  der  Hoch- 
zeitsflöte ward  umgestimmt  zu  wehmutsvollen  Weisen ;  den  Jubel- 
gesang des  bräutlichen  Lieds  schloss  dumpfe  Grabesklage;  Thränen 
wischte  die  Braut  sich  ab  mit  ihrem  Hochzeitsschleier.  Der  schwer- 
geprüften Familie  zollte  wegen  des  Trauerfalls  die  ganze  Bürgerschaft 
Beileid,  und  es  ward  befohlen,  dass  die  Geschäfte  ruhten,  als  wäre 
Landestrauer.  Aber  die  Pflicht  des  Gehorsams  gegenüber  den  gött- 
lichen Geboten  forderte,  dass  an  der  armen  Psyche  die  verhängte 
Strafe  vollzogen  würde.  So  ward  denn  die  Brautkammer  des  Todes  in 
tiefster  Trauer  feierlich  gerüstet,  die  ganze  Stadt  folgte  wie  bei  einem 
Leichenbegängnis,  und  in  Thränen  schritt  Psyche  nicht  zur  Ehe, 
sondern  zu  ihrem  Grabe.  Die  tiefgebeugten  Eltern  zauderten  vor  dem 
Frevel,  aber  die  Tochter  selbst  trieb  sie  an:  „Was  quält  ihr  armen 
greisen  Eltern  euch  mit  langem  Weinen  und  trübt  auch  meiner 
Augen  Glanz  durch  eure  Thränen?  was  rauft  ihr  euer  weisses  Haar, 
schlagt  eure  Brust  und  Busen?  Seht,  das  ist  der  Lohn,  den  ihr  von 
meiner  Schönheit  habt:  tödlich  traf  der  Neid  des  Dämons  euch:  jetzt, 
da  ihrs  merkt,  ists  ach  zu  spät.  Als  die  Völker  der  Erde  mir  gött- 
liche Ehren  erwiesen  und  mich  einstimmig  ,die  neue  Venus'  nannten, 
da  hättet  ihr  weinen  sollen,  da  ging  es  zu  Ende  mit  mir.  Deutlich 
seh'  ichs  jetzt:  mein  Verhängnis  war  der  Marne  ,Venus'.  Führt  mich 
hin,  stellt  mich  auf  den  Fels,  dem  der  Spruch  mich  weihte.  Ich  eile, 
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die  Hochzeit  zu  feiern,  ich  eile,  den  Gatten  zu  sehn.  Wozu  auch 
warten,  wozu  mich  wehren  wider  den  Unhold  der  ganzen  Welt?" 
Darauf  mischte  sie  sich  stumm  und  festen  Schritts  unter  die  Pro- 
zession des  Volks.  Der  Zug  nahm  seinen  Weg  zu  dem  schroffen 
Felsgrat;  dort  ward  die  Jungfrau  ausgesetzt.  Die  Hochzeitsfackeln, 
mit  denen  man  ihr  vorgeleuchtet  hatte,  wurden  mit  Thränen  gelöscht 
und  so  an  Ort  und  Stelle  zurückgelassen.  Darauf  machten  sich  alle 
gesenkten  Hauptes  auf  den  Heimweg,  das  Mädchen  blieb  allein.  Die 
armen  Eltern  schlössen  sich,  aus  Gram  über  den  Verlust  der 
Tochter,  in  ihrer  Wohnung  ein  und  bargen  sich  in  tiefe  Finsternis. 
Psyche  stand  in  bebender  Angst  auf  der  Felsenkuppe  und  weinte 
bitterlich.  Da  kam  mit  säuselnden  Lüften  des  Zephyrs  sanfter  Hauch, 
er  kräuselte  ihre  Gewände  und  schwellte  ihr  Busenkleid;  dann  hob 
er  sie  mählich  vom  Boden  und  trug  sie  mit  mildem  Wehn  am 
schroffen  Abhang  zu  Thale;  dort  Hess  er  sie  leise  gleiten  und  ruhen 
im  Rasenschoss.  Psyche  machte  es  sich  auf  dem  Pfühl  der  tau- 
frischen Blumen  und  Gräser  bequem  und  schlummerte  nach  solchen 
Aufregungen  sanft  ein.  Durch  reichlichen  Schlaf  erquickt  erhob  sie 
sich  gefassten  Sinns.  Da  sah  sie  einen  Park  von  mächtigen  Bäumen 
und  genau  in  der  Mitte  des  Parks  eine  krystallklare  Quelle.  Dicht 
bei  dieser  stand  ein  Schloss:  das  war  nicht  ein  Werk  von  Menschen- 
händen, sondern  von  göttlicher  Kunst.  Man  brauchte  den  Fuss  bloss 
über  seine  Schwelle  zu  setzen,  um  zu  erkennen,  dass  es  in  seiner 
Pracht  und  Lieblichkeit  einen  Gott  beherberge.  Die  hohe  Plafond- 
kuppel war  mit  Mahagoniholz  und  Elfenbein  fein  ausgelegt  und  von 
goldenen  Säulen  getragen,   jede  Wand  bedeckt  mit  Ciselierarbeiten 

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aus  Silber:  wilde  und  zahme  Tiere  waren  von  einer  solchen  Lebens- 
wahrheit, wie  sie  nur  von  einem  Zauberer  oder  vielmehr  nur  von 
einem  Gotte  erreicht  werden  konnte.  Der  marmorne  Fussboden  war 
in  Streifen  verschiedenartiger  Gemälde  aus  kostbarem  Mosaik  abge- 
teilt: selig  und  abermals  selig  die,  deren  Fuss  stolzieren  darf  auf 
f:delsteinen  und  Perlen!  Und  dann  die  ganze  weitere  Zimmerflucht 
des  Schlosses  mit  ihren  unschätzbaren  Kostbarkeiten!  alle  Wände 
waren  aus  massivem  Gold:  in  diesem  Hause  war'  es  Tag,  auch 
wenn  die  Sonne  nicht  schiene:  so  funkelten  Hallen,  Schlaf  gemacher 
und  selbst  die  Badestuben.  Auch  die  ganze  Einrichtung  entsprach 
der  Majestät  des  Hauses:  wahrlich  nur  dem  Himmelskönig  konnte 
für  seinen  Aufenthalt  auf  Erden  ein  solcher  Sternpalast  gefertigt  sein. 
Es  reizte  Psyche,  solche  Wunder  mehr  aus  der  Mähe  zu  be- 
trachten, schon  getraute  sie  sich  über  die  Schwelle  zu  treten  und 
bald  lockte  die  Neugier  sie,  all  die  Herrlichkeit  im  einzelnen  genau 
zu  betrachten.  Auch  die  prächtigen  Magazine  zu  beiden  Seiten  des 
Hauses  schaute  sie  sich  an;  die  Kleinodien  der  ganzen  Welt  waren 
dort  aufgespeichert.  Aber  das  Wunderbarste  war  doch,  dass  kein 
Riegel  oder  Schloss  und  kein  Wächter  diese  Herrlichkeiten  hütete. 
Während  sie  nun  dies  alles  mit  grösstem  Entzücken  in  Augenschein 
nahm,  tönte  eine  geisterhafte  Stimme  an  ihr  Ohr:  „Was  staunest  du, 
Herrin,  ob  der  grossen  Pracht?  dein  ist  alles,  was  du  siehst.  Drum 
zieh'  dich  zurück  ins  Schiafgemach,  erquicke  die  matten  Glieder  und 
nimm  ein  Bad,  wenn  dirs  beliebt.  Wir,  deren  Stimmen  du  hörst, 
sind  deine  Zofen  und  werden  dir  ewig  dienen,  und,  hast  du  gepflegt 
des  Körpers,  dann  wartet  deiner  ein  königlich  Mahl."   Als  Psyche  die 

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Stimmen  der  Geister  hörte,  empfand  sie,  dass  es  gnädige  Weisungen 
der  göttlichen  Vorsehung  seien:  so  legte  sie  sich  schlafen  und  nahm 
dann  ein  Bad.  Völlig  erquickt  sah  sie  sogleich  neben  sich  ein  fertig 
gedecktes  Tischlein:  das  sah  so  einladend  aus,  dass  sie  sich  an  ihm 
niedcrliess.  Im  Nu  ward  ihr  mit  Nektar  und  allerlei  Gerichten  auf- 
gewartet; aber  kein  Diener  war  da:  alle  Schüsseln  kamen,  wie  von 
den  Winden  getragen.  Niemand  war  zu  sehen,  Worte  nur  hörte  sie 
klingen,  Stimmen  nur  waren  die  Diener.  Nach  dem  Göttermahl  kam 
unsichtbar  ein  Geist  herein  und  sang,  ein  anderer  spielte  auf  un- 
sichtbarer Leier.  Dann  tönte  eine  Symphonie  von  Stimmen  an  ihr 
Ohr:  sie  hörte  nur  die  Harmonie,  doch  sah  sie  nicht  den  Chor. 
Dann  nahm  die  Lust  ein  Ende,  der  Abend  mahnte  zur  Ruhe, 
und  Psyche  legte  sich  schlafen.  Schon  war  es  tiefe  Nacht,  da  tönte 
mild  ein  Klang  zu  ihrem  Ohr.  In  ihrer  grossen  Einsamkeit  begann 
die  Jungfrau  sich  gar  sehr  zu  fürchten,  denn  sie  wusste  nicht,  was 
ihrer  wartete.  Doch  schon  war  auch  zur  Stelle  ihr  unbekannter  Ge- 
liebter, hatte  das  Lager  bestiegen,  mit  Psyche  sich  vermählt,  und 
war  vor  Morgengrauen  auf  und  davon  gegangen.  Gleich  waren  in 
der  Kammer  die  Stimmen  bereit,  der  jungen  Frau  aufzuwarten.  So 
ging  das  eine  ganze  Zeit  lang:  sie  gewöhnte  sich  daher  allmählich 
an  das  Neue  und  fand  Vergnügen  daran.  Der  Ton  der  geisterhaften 
Stimmen  war  ihr  in  ihrer  Einsamkeit  der  einzige  Trost. 


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Zweites  Kapitel  ^  ©  ^ 

Die  bösen  Schwestern 
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Unterdessen  härmten 
sich  die  Eitern  unaufhör- 
lich um  ihre  Tochter.  Auch 
die  älteren  Schwestern 
hatten,  da  die  Kunde  des 
Geschehenen  sich  verbrei- 
tete, alles  erfahren  und 
waren  in  Trauerkleidern 
herbeigeeilt,  um  ihre  Eltern  zu  sehen  und  zu 
trösten.  In  derselben  Macht  sprach  der  Geliebte 
—  denn  wenn  sie  ihn  auch  nicht  sah,  so  konnte 
sie  ihn  doch  hören  und  fühlen  —  so  zu  seiner  Psyche:  „Meine  süsse 
Psyche,  unheilvolle  Gefahr  droht  dir  vom  bösen  Schicksal:  sei  drum 
genau  auf  deiner  Hut.  Deine  Schwestern  glauben,  du  seist  tot,  und 
suchen  in  ihrer  Verzweiflung  deine  Spur;  bald  kommen  sie  dort  auf 
des  Felsens  Spitze.  Sollten  ihre  Klagen  dir  zu  Ohren  dringen,  ant- 
worte nicht,  sieh  überhaupt  nicht  aus;  sonst  wirst  du  mir  gar  tiefen 
Schmerz  bereiten,  dir  selber  Unheil  und  Verderben."  Sie  versprach 
nach  dem  Wunsch  des  Geliebten  zu  handeln.  Als  der  aber  mit  der 
Nacht  verschwunden  war,  that  die  arme  Kleine  den  ganzen  Tag 
nichts  als  weinen  und  klagen:  jetzt  —  so  sagte  sie  zu  sich  selbst 
—  sei  es  wirklich  ganz  und  gar  um  sie  geschehn;  da  sitze  sie  nun 
in    ihrem    paradiesischen    Gefängnis,    ohne    mit    einem    Menschen 

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sprechen  zu  können;  ihre 
Schwestern  trauerten  um 
sie,  aber  sie  dürfe  sie  nicht 
erlösen,  ja  nicht  einmal 
sehen.  Sie  nahm  nicht  Bad 
noch  Speise,  und  gönnte 
sich  nicht  Rast  noch  Ruhe: 
bitterlich  weinend  legte  sie 
sich  schlafen.  Gleich  war 
auch  schon,  etwas  früher 
als  sonst,  der  Geliebte  zur  Stelle;  er  umarmte 
sie  in  ihren  Thränen  und  sprach  vorwurfsvoll: 
„War  das  dein  Versprechen,  liebe  Psyche?  Wie 
kann  ich  mich  nun  fernerhin  auf  dich  verlassen?  Den  ganzen  Tag, 
die  ganze  Nacht,  ja  wenn  du  in  meinen  Armen  ruhst,  quälst  du 
dich  unaufhörlich.  Nun  meinetwegen  denn,  wie  du  willst:  hör'  auf 
des  Herzens  verderblichen  Wunsch;  nur  denk  an  meinen  wohl- 
gemeinten Rat,  wenn  du  zu  spät  bereust  die  That!"  Trotzdem 
quälte  sie  durch  Bitten  und  durch  die  Drohung,  sie  werde  sonst 
sterben,  dem  Geliebten  die  Gewährung  ihres  Wunsches  ab,  die 
Schwestern  zu  sehen,  ihre  Thränen  zu  stillen  und  mit  ihnen 
zu  plaudern.  So  gab  er  denn  ihren  Bitten  nach  und  erlaubte 
ihr  noch  obendrein,  ihnen  Gold  und  Geschmeide  nach  Herzens- 
lust zu  schenken.  Doch  warnte  er  sie  oft  und  ernstlich  davor, 
sich  durch  ihre  Schwestern  zu  der  verhängnisvollen  Frage  nach 
seinem  Aussehen  bethören  zu  lassen:  solche  Neugier  werde 
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sonst  all  ihr  Glück  zerstören  und  nimmer 
werde  sie  dann  wieder  an  seiner  Brust  ruhen. 
Sie  dankte  dem  Geliebten  und  sprach  froh : 
.Aber  lieber  hundertmal  sterben  als  deine  Liebe  missen!  Hab'  ich 
dich  doch,  wer  du  auch  seist,  ganz  furchtbar  lieb,  grad'  wie  mein 
eigenes  Leben,  mehr  als  wärst  du  Gott  Amor.  Nur  um  dies  Eine 
bitt'  ich  dich  noch:  befiehl  deinem  Diener  Zephyrus,  die  Schwestern  zu 
mir  zu  bringen,  wie  einst  er  mich  hergetragen."  Sie  überhäufte  ihn 
mit  verführerischen  Küssen,  schmiegte  sich  eng  an  ihn  und  drängte 
ihn  mit  kosenden  Schmeichelnamen  „mein  wonniger,  sonniger  Liebling, 
du  süsser  Enge!  deiner  Psyche."  Der  Gewalt  ihres  holden  Liebe- 
flüsterns  konnte  er  nicht  länger  widerstehen:  so  verbürgte  er  sich, 
wiewohl  schweren  Herzens,  alles  thun  zu  wollen.  Beim  nahenden 
Schimmer  des  Morgens  entschwand  er  den  Armen  der  Liebsten. 
Die  Schwestern  aber  waren  unterdessen  auf  den  Felsen  geeilt, 
wo,   wie    sie    erfahren   hatten,    Psyche   allein   gelassen  war.     Dort 

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weinten  sie  sich  die  Augen  aus  und  schlugen 
sich  die  Brüste,  dass  es  die  Steine  erbarmen 
konnte.  Sie  riefen  ihre  arme  Schwester  so 
lange  mit  INamen,  bis  der  Klageruf  den  Abhang  hinab  zu  Psyche 
drang.  Die  eilte  bestürzt  aus  dem. Hause  hervor.  „Was  härmt  ihr 
euch,  rief  sie,  umsonst  mit  jammerndem  Ruf?  da  bin  ich  ja,  die  ihr 
betrauert.  Drum  trocknet  eure  Wangen,  umarmt  mich,  statt  mich 
zu  bedauern."  Dann  rief  sie  den  Zephyr  und  mahnte  ihn  an  ihres 
Geliebten  Auftrag.  Er  gehorchte  unverzüglich  und  trug  sie  mit 
sanftem  Wehen  hinunter  in  sicherer  Fahrt.  Schon  lagen  sie  sich  in 
den  Armen,  schon  herzten  und  küssten  sie  sich,  schon  lockte  die 
Freude  von  neuem  Ströme  der  Thränen  hervor.  „Nun  aber,  sagte 
sie,  tretet  froh  in  Haus  und  Hof,  um  euch  nach  all  dem  Gram  mit 
eurer  Schwester  zu  laben."  Darauf  zeigte  sie  ihnen  die  Schätze  des 
güldenen  Schlosses,  liess  sie  die  Stimmen  der  dienstbaren  Geister 
hören  und  an  einem  wunderschönen  Bad  und  den  Leckereien  des  Zauber- 
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tisches  sich  ordentlich  erquicken.  Von  der  überströmenden  Fülle  all 
dieser  wahrhaft  himmlischen  Herrlichkeit  gesättigt,  begannen  sie  schon 
in  ihres  Herzens  Tiefe  den  Neid  zu  nähren.  Endlich  fragte  die  eine 
von  ihnen,  um  der  Sache  auf  den  Grund  zu  kommen,  immer  wieder 
und  wieder,  wem  diese  himmlischen  Sachen  gehörten,  wer  ihr  Gatte 
sei  und  wie  er  aussähe.  Aber  sie  verwahrte,  eingedenk  der  Er- 
mahnung, das  Geheimnis  treu  in  ihrer  Brust  und  griff  zu  der  Not- 
lüge, es  sei  ein  schöner  Jüngling,  dem  eben  der  Flaum  des  Bartes 
leicht  die  Wangen  beschatte;  meist  sei  er  auf  der  Jagd  im  Feld  und 
im  Gebirge.  Aus  Furcht  aber,  sie  möchte  sich,  wenn  die  Unter- 
haltung so  weiter  fortginge,  doch  noch  verraten,  rief  sie  schnell  den 
Zephyr  und  liess  ihn  sie  entführen,  mit  Gold  und  Juwelen  beschenkt. 
Aber  in  den  Herzen  des  Schwesternpaars  schlug  der  glimmende 
Neid  zu  hellen  Flammen  empor,  und  ein  gehässiges  Wort  gab  das 
andere.  „Da  zeigt  sich  einmal  wieder"  —  begann  die  eine  —  „das 
blinde  und  ungerechte  Walten  des  Schicksals:  wir  Schwestern 
stammen  von  gleichen  Eltern,  und  so  verschieden  soll  unser  Los 
sein!  Wir,  die  älteren,  werden  fremden  Gatten  wie  Mägde  aus- 
geliefert; fern  von  Vater  und  Mutter,  weit  von  Haus  und  Heimat, 
leben  im  Elend  wir:  sie,  die  so  viel  jüngere,  soll  so  reich  sein 
dürfen,  vermählt  mit  einem  Gott!  Versteht  sie  es  doch  nicht  einmal, 
die  Fülle  der  Güter  zu  nützen!  Hast  du,  Schwester,  alle  die  Pracht 
des  Geschmeides  gesehen,  den  Glanz  der  Gewänder,  das  Funkeln 
der  Juwelen,  das  Gold,  auf  das  man  tritt?  Ist  ihr  Geliebter  noch  dazu 
so  schön,  wie  sie  behauptet,  so  ist  sie  die  Glücklichste  auf  dieser 
weiten    Welt.     Wird    ihr   Verhältnis   noch   enger    und   wächst  die 

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Zärtlichkeit,  so  macht  er  sie  noch  zur  Göttin.  Ja,  wahrhaftig,  ganz  so 
that  sie,  ganz  so  gab  sie  sich  schon  jetzt:  schon  blickte  sie  auf  gen 
Himmel,  gab  sich  einer  Göttin  Air,  die  Herrin  von  Geisterstimmen, 
die  Windeskönigin.  Der  Gatte  dagegen,  den  ich  Arme  bekam,  könnte 
an  Jahren  mein  Vater  sein,  ein  Kahlkopf  wie  ein  Kürbis,  ein  Dumm- 
kopf wie  nur  irgend  ein  Junge;  und  das  ganze  Haus  hält  er  fest  zu 
hinter  Schloss  und  Riegel."  Da  fiel  die  andere  ein:  „Und  nun  erst 
mein  Gatte!  ein  Gichtkrüppel,  dem  ich,  statt  dass  er  zärtlich  zu  mir 
ist,  seine  krummen  und  steifen  Finger  reiben  muss;  mit  ekelhaften 
Umschlägen  muss  ich  mir  meine  zarten  Hände  verbrennen;  so  bin 
ich  ihm  nicht  mehr  eine  dienstwillige  Gattin,  sondern  eine  gewerbs- 
mässige Krankenpflegerin.  Du  musst  es  selbst  wissen,  ob  du  das 
geduldig  oder,  grade  heraus  gesagt,  wie  eine  Magd  mit  ansehn  willst: 
ich  meinerseits  kann  es  nicht  länger  dulden,  dass  solcher  Segen  ihr 
in  den  Schoss  fällt,  die  es  nicht  verdient.  Denke  doch  nur  daran, 
wie  von  oben  herab,  wie  anmassend  sie  uns  behandelte,  wie  sie 
prahlte  und  sich  aufspielte  und  dadurch  ihren  Stolz  verriet,  wie  sie  von 
ihres  Reichtums  Fülle  nur  diese  Kleinigkeiten  widerwillig  uns  zuwarf, 
um  sich  dann  schleunigst  unserer  lästigen  Gegenwart  zu  entledigen 
und  uns  mit  Schimpf  und  Schande  an  die  Luft  setzen  zu  lassen. 
Aber  ich  müsste  kein  Weib  sein,  wenn  ich  sie  nicht  vom  Gipfel  ihres 
Glücks  stürzte.  Und  da  auch  dich  diese  Beschimpfung  gekränkt  hat, 
so  lass  uns  beide  gehörig  zu  Rat  gehen.  Vor  allem  wollen  wir  diese 
Sachen  hier  nicht  den  Eltern  oder  irgend  jemanden  sonst  zeigen  und 
überhaupt  uns  von  ihrem  Wohlergehen  nichts  wissen  machen.  Grade 
genug,  dass  wir  selbst  ihr  Glück  sehen  mussten:  das  fehlte  noch, 
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dass  wir  es  den  Eltern  und  aller  Welt  ausposaunten.  Das  möchte 
sie  wohl,  denn  glaube  mir:  keiner  fühlt  sich  glücklich,  wenn  nicht 
andere  um  seinen  Reichtum  wissen.  Sie  solls  erfahren,  dass  wir 
nicht  ihre  Mägde,  sondern  ihre  älteren  Schwestern  sind.  Jetzt  auf 
zu  unseren  Gatten,  zu  unserem  bescheidenen,  aber  anständigen  Heim, 
um  dort  lang  und  genau  uns  zu  beraten  und  dann  zurückzukehren 
mit  dem  festen  Entschluss,  ihren  Hochmut  zu  bestrafen."  Am  bösen 
Plan  fand  Wohlgefallen  das  böse  Paar.  Sie  versteckten  all  die 
Geschenke,  rauften  in  geheuchelter  Trauer  ihr  Haar,  und  rissen  so 
auch  den  erschreckten  Eltern  die  Wunden  wieder  auf.  Dann  eilten 
sie  wutschnaubend  nach  Hause,  wo  sie  wider  ihre  schuldlose 
Schwester  einen  mörderischen  Plan  ausheckten.  Unterdessen  sprach 
der  Unbekannte  bei  einem  seiner  nächtlichen  Besuche  mahnend 
also  zu  Psyche:  „Merkst  du  nun,  welche  Gefahr  dir  vom  Schick- 
sal droht?  Sieh  dich  darum  ja  vor,  sie  nicht  noch  näher  heran- 
kommen zu  lassen.  Die  Weibsbilder  sind  schon  bei  der  Arbeit, 
dich  in  eine  Falle  zu  locken:  sie  wollen  dich  bereden  auszu- 
forschen, wie  ich  aussehe;  ich  aber  sagte  dirs  schon  oft:  siehst  du 
mein  Gesicht,  so  ists  auf  Nimmerwiedersehn.  Wenn  die  Hexen  dir 
also  mit  ihren  verderblichen  Zauberkünsten  zu  Leibe  rücken  werden 
—  und  sie  werden  es  — ,  so  wäre  es  das  beste,  du  sprächest  über- 
haupt nicht  mit  ihnen;  kannt  du  aber  das  in  deiner  Harmlosigkeit 
und  Herzensgüte  nicht  über  dich  gewinnen,  so  stehe  ihnen  wenigstens 
dann,  wenn  sie  von  deinem  Geliebten  anfangen  wollen,  nicht  Rede 
noch  Antwort.  Wisse  nämlich:  das  Kind,  das  du  in  deinem  jungen 
Schosse  trägst,  wird,  wenn  du  treulich  schweigst,  ein  Gott,  wenn  du 

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verrätst,  ein  Erdenmensch."  Wie  strahlte  Psyche  bei  der  frohen 
Botschaft,  weich  ein  Trost  war  ihr  das  Götterkind,  der  Liebe  hohes 
Unterpfand,  wie  stolz  war  sie,  dass  sie  bald  Mutter  heissen  solle! 
Die  Tage  kamen  und  die  Monde  schwanden:  Psyche  zählte  sie  voll 
Bangen  und  staunte  des  wachsenden  Segens  in  ihrem  kindlichen  Sinn. 
Aber  schon  kamen  übers  Meer  in  heilloser  Hast  die  höllischen 
Unholdinnen.  Da  nutzte  der  Unbekannte  die  Augenblicke,  die  er  bei 
seiner  Psyche  weilte,  zu  dieser  neuen  Ermahnung:  „Gekommen  ist 
der  letzte  Tag,  die  Mot  am  höchsten!  Die  eignen  Blutsverwandten 
zogen  als  Feindinnen  gegen  dich  aus,  schon  sind  sie  nah,  schon  ist 
ihr  Dolch  auf  deine  Brust  gezückt.  Weh,  weich  Unheil  droht  uns, 
mein  geliebtes  Leben!  Erbarme  dich  dein  und  mein,  halte  fromm  dein 
Gelübde  und  wehre  dem  dräuenden  Unglück,  das  sonst  das  Haus, 
den  Geliebten,  dich  mit  dem  Kleinen  begräbt.  Die  Bösen  —  nenne 
sie  nicht  mehr  Schwestern,  seit  sie  dich  tödlich  hassen,  die  heiligsten 
Bande  lösten  — ,  sieh  sie  nicht  an,  höre  sie  nicht  an,  wenn  sie  wie 
Sirenen  ihr  Grabeslied  dir  singen  hoch  von  dem  Gipfel  des  Bergs." 
Psyche  erwiderte  ihm  mit  vor  Thränen  und  Schluchzen  stockender 
Stimme:  „Schon  lange,  dächt'  ich,  erhieltest  du  Beweise  meiner 
Treue  und  Verschwiegenheit;  aber  noch  einmal  will  ich  dir  zeigen, 
wie  starken  Herzens  ich  bin.  Befiehl  nur  unserem  Zephyr,  er  sei 
mir  wieder  zu  Diensten,  und  lass  mir  wenigstens  den  Anblick  meiner 
Schwestern  zum  Ersatz  dafür,  dass  ich  dich  in  deiner  Herrlichkeit 
nicht  schauen  darf.  Bei  deinen  balsamischen  Locken,  die  dir  vom 
Haupte  wallen,  bei  deinen  mädchenhaft  weichen  Wangen,  bei  dem 
Feuer,  das  deine  Brust  durchglüht,  und  bei  dem  Kinde,  in  dem  ich 
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dereinst  dein  Antlitz  zu  schauen  hoffe:  lass  dich  durch  mein  in- 
brünstig frommes  Flehen  erweichen,  mich  süss  wie  einst  zu  um- 
armen, tröste  deine  Psyche,  die  sich  dir  hingegeben  mit  Seele  und 
mit  Leib.  Ich  forsche  ja  auch  gar  nicht  mehr  nach  deinem  Antlitz, 
nicht  stört  mich  mehr  die  Finsternis  der  Nacht:  du  bist  mein  Licht, 
dich  halt'  ich  fest."  Diese  Worte  und  ihre  weichen  Küsse  be- 
zauberten den  Geliebten:  mit  seinen  Locken  trocknete  er  ihre  Thränen 
und  versprach  ihr  Gewährung  des  Wunsches.  Flugs  war  er  davon 
vor  dem  Licht  des  jungen  Tags.  Das  zum  Verderben  Psyches  ver- 
bündete Schwesternpaar  eilte,  ohne  auch  nur  die  Eltern  zu  besuchen, 
geradeswegs  auf  den  Felsen.  Sie  warteten  nicht  einmal,  bis  der 
Wind,  sie  zu  tragen,  zur  Stelle  war:  tollkühn  sprangen  sie  in  die 
Tiefe.  Aber  Zephyr  gedachte,  wenn  auch  nur  widerwillig,  des 
Gebotes  seines  Herrn:  im  Schosse  der  säuselnden  Lüfte  trug  er 
sie  nieder  zur  Erde.  Unverzüglich  drangen  die  beiden  falschen 
Schwestern  ins  Haus,  umarmten  ihr  Opfer  und  sprachen  mit 
kriecherischer  Freundlichkeit  auf  dem  Gesicht,  die  Herzen  voll  von 
Lug  und  Trug:  „Psyche,  unlängst  noch  ein  Kind  und  bald  schon 
Mutter!  Nein,  du  glaubst  nicht,  wie  wir  uns  mit  deiner  Hoffnung 
freuen!  was  für  Jubel  wird  sich  in  unserm  ganzen  Hause  erheben! 
wie  selig  werden  wir  sein,  das  goldige  Knäblein  pflegen  zu  dürfen! 
Wird  es  so  schön  wie  seine  Eltern,  wahrhaftig  so  wird's  ein  Amor." 
So  eroberten  sie  sich  durch  falsche  Zärtlichkeit  allmählich  das  Herz 
der  Schwester.  Sie  hiess  sie  sich  sofort  auf  Polstern  von  der  er- 
müdenden Reise  ausruhen,  durch  ein  warmes  Bad  sich  erquicken, 
führte   sie  dann   in   den  prachtvollen  Speisesaal  und  Hess  sie  sich 

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gütlich  thun  an  den  himm- 
lischen Delikatessen.  Sie 
befahl  ein  Zitherkonzert:  es 
ertönte;  Flötenmusik:  sie 
erhallte ;  Chorgesang :  er 
erschallte.  Niemand  war  zu 
sehen,  doch  die  süssen 
Weisen  klangen  bezaubernd 
ans  Ohr.  Aber  nicht  einmal 
diese  himmlische  Sphären- 
musik erweichte  den  ruchlosen  Sinn  der  Bösen: 
sie  brachten,  um  Psyche  in  der  Schlinge  zu  fangen, 
scheinbar  harmlos  das  Gespräch  darauf,  wer 
und  was  ihr  Geliebter  sei  und  woher  er  stamme.  Psyche  hatte 
in  der  Einfalt  ihres  Herzens  ihre  frühere  Antwort  schon  vergessen, 
und  so  sagte  sie  denn  mit  einer  neuen  Notlüge,  er  sei  ein  Gross- 
kaufmann aus  dem  Nachbarreiche,  von  mittleren  Jahren  und  schon 
etwas  grau.  Und  ohne  sich  bei  diesem  Thema  noch  weiter  aufzu- 
halten, überhäufte  sie  die  Schwestern  wieder  mit  reichen  Geschenken 
und  überwies  sie  dem  luftigen  Fahrzeug.  Zephyr  trug  sie  nach 
oben  mit  seinem  milden  Wehn.  Auf  dem  Heimwege  gab  ein  Wort 
das  andere.  „Was  sollen  wir,  Schwester,  zu  dieser  ungeheuerlichen 
Lüge  der  dummen  Person  sagen?  Damals  war  es  ein  )üngling,  dem 
eben  der  Flaum  erst  sprosste;  jetzt  ist  er  in  mittleren  Jahren  und 
grau  am  Haupt  und  Bart!  Was  ist  das  für  ein  Wesen,  das  binnen 
so   kurzer   Zeit   zum   Greis    geworden    ist?    Es   ist    nicht    anders, 

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Schwester:  entweder  lügt 
das    Frauenzimmer    oder 
weiss  selbst  nicht,  wie  ihr 
Geliebter    aussieht.     Wie 
dem    auch    sei:    sie    darf 
nicht  mehr  lange  in  seinem 
Besitz  bleiben.  Denn  kennt 
sie  sein  Antlitz  nicht,  so 
ists  ein  Gott,  dem  sie  ver- 
mählt, ein  Götterkind,  das 
sie  gebiert.  Sollte  sie  aber 
—  ich  will  es  nicht  berufen  —  Mutter  eines 
Götterknäblein     heissen:    wahrhaftig,     gleich 
knüpfte  ich  mir  eine  Schlinge  um  den  Hals. 
Nun  lass  uns  ins  Elternhaus  zurückkehren,  um  dort  unsern  Trug 
weiterzuspinnen." 

Drittes  Kapitel  ^^©^^ 
Der  Sündenfall  Psyches 

Vor  Aufregung  begrüssten  die  Bösen  nur  widerwillig  die  Eltern, 
und  jagten  nach  einer  schlaflosen  Nacht  in  aller  Frühe  auf  den  Berg. 
Der  Wind  war  wieder  zur  Stelle,  sie  stürzten  sich  jählings  hinab. 
Unter  Thränen,  die  sie  sich  gewaltsam  aus  den  Augen  quälten, 
sprachen  sie  voll  Tücke  zu  Psyche:  „ja,  du  kannst  wohl  sorglos  und 
glücklich  dasitzen,  du  ahnst  ja  nichts  von  der  drohenden  Gefahr;  wir 
aber  wachen  und  sorgen  für  dein  Glück  und  ängstigen  uns  zu  Tode 
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um  dein  Geschick.  Denn  was  wir  als  sicher  verbürgt  erfahren, 
dürfen  wir,  die  wir  Schmerz  und  Unglück  mit  dir  teilen,  nicht  vor 
dir  verhehlen.  Ein  furchtbarer  Drache,  mit  vielgeknoteten  Ringeln, 
giftgeschwollenem  Halse  und  tiefgähnendem  Rachen  ruht  heimlich 
zur  Nacht  bei  dir.  Erinnere  dich  nur  an  Apollos  Orakel:  es  sprach, 
du  seist  bestimmt  zur  Braut  einem  giftigen  Tier.  Viele  Bauern  und 
Jäger  hier  in  der  Gegend,  die  haben  es  gesehen,  wenn  es  abends 
vom  Prasse  kam  und  in  der  nahen  Furt  badete.  Und  alle  versichern, 
es  werde  dich  nicht  lange  mehr  schmeichlerisch  füttern,  sondern 
warte  bloss  darauf,  bis  das  Kind  ganz  ausgetragen,  um  dann  dich 
mit  ihm  zu  verschlingen.  Es  ist  nun  deine  Sache,  hiernach  zu  er- 
wägen, ob  du  auf  deine  für  dein  süsses  Wohl  besorgten  Schwestern 
hören  und  mit  uns  fern  von  Gefahren  leben  oder  dich  im  Bauche 
des  grausen  Tieres  begraben  lassen  willst.  Sollte  dich  aber  die  nur 
von  Geisterstimmen  belebte  Einsamkeit  dieser  Villa  und  der  heim- 
liche Liebesgenuss  in  der  Umarmung  des  giftigen  Drachens  mehr 
fesseln:  nun,  so  haben  wir  treuen  Schwestern  das  Unsrige  doch 
gethan."  Psyche,  die  arme  Kleine,  die  Schwache  und  Herzensreine, 
ward  bei  der  furchtbaren  .Mitteilung  von  Angst  und  Graus  erfasst:  sie 
vergass  völlig  die  mahnenden  Worte  ihres  Geliebten  und  ihr  Ver- 
sprechen, und  stürzte  sich  tief  ins  Elend.  Zitternd  und  leichenblass 
sprach  sie  mit  stockender  Stimme,  halb  nur  die  Lippen  geöffnet,  zu 
ihnen  diese  Worte:  „Ihr  guten  Schwestern,  die  ihr  mir  wieder  einmal 
einen  Beweis  eurer  Liebe  gebt!  Auch  ich  muss  an  die  Wahrheit  des 
Gerüchts  glauben.  Denn  meines  Geliebten  Antlitz  sah  ich  nie,  noch 
weiss  ich  überhaupt,  wer  und  woher  er  ist:  nur  seine  Stimme  höre 

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ich  bei  Nacht,  dem  Tageslicht  entzieht  er  sich.  Ihr  habt  ganz  recht: 
ein  Tier  muss  es  sein.  Darum  droht  er  mir  auch,  meine  Neugier, 
sein  Gesicht  zu  sehen,  werde  mir  schlecht  bekommen.  Könnt  ihr 
daher  eurer  Schwester  Hilfe  in  der  Not  bringen,  so  thut  es,  ehe  es 
zu  spät  und  eure  ganze  bisherige  Fürsorge  umsonst  ist"  |etzt 
hatten  sie  gewonnenes  Spiel  und  konnten  vom  versteckten  zum 
offenen  Angriff  übergehen.  „Da  wir,"  sprach  die  eine,  „als  deine 
leiblichen  Schwestern  jeder  Gefahr,  wo  es  sich  um  dein  Wohl  han- 
delt, gern  ins  Auge  sehen  wollen,  so  werden  wir  dir  den  Weg  zeigen, 
der,  wie  wir  nacli  reiflicher  Ueberlegung  fanden,  einzig  und  allein  zu 
deiner  Rettung  führt  Verbii^  ein  haarscharf  geschliffenes  Messer 
bei  deinem  Lager.  Dann  fülle  ein  hellbrennendes  Lämpchen  mit  Oe! 
und  stelle  es  wohlversteckt  in  einen  kleinen  Topf.  Wenn  er  dann 
seinen  Drachenleib  auf  dem  Lager  wieder  au^estreckt  hat  und  du 
merkst  dass  er  eben  fest  eingeschlafen  ist  so  lasse  dich  aus  dem 
Bett  gleiten,  sdileiche  auf  blossen  Füssen  ganz  sachte  zu  dem  Ver- 
steck der  Lampe,  und  dann  schnell  zur  Tliat  Die  Rechte  zum 
Streicn  erhoben,  triff  mit  des  Messers  Schneide  döi  Hals  des  giftigen 
Drachen  und  trenne  den  Kopf  vom  Rumpf.  An  unserm  Beistand 
soll  es  dir  nicht  fehlen,  sondern  sobald  du  didi  durch  seine  Ermor- 
dung gerettet  hast,  werden  wir  dir  sorgsam  zur  Hand  sein,  alle  diese 
schönen  Sachen  hier  schleunigst  mit  dir  davontragen  und  dich  mit 
einem  Mensdien  nadi  deiner  Walil  vermählen."  Nach  diesen  Worten 
Uessen  sie  sich  sogleich,  aus  Furcht,  es  könne  ihnen,  wemi  sie  in 
der  Nälie  blieben,  schlimm  ergehen,  auf  W  -  wieder  auf 

die  Hölie  des  Berges  tragen,  machten  sich  sc  ^      auf  die  Beine 

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und  fuhren  zu  Schiff  auf  und  davon.  Als  Psyche  so  ganz  allein 
war  —  nur  die  bösen  Geister  ihres  Innern  waren  bei  ihr  — ,  wogte 
ihre  Brust  vor  Trauer  wie  des  Meeres  Brandung,  und,  so  fest  ihr 
Plan,  so  entschlossen  ihr  Sinn  auch  war,  wurde  sie  doch,  als  sie 
ans  Werk  gehen  wollte,  schwankend:  bald  eilte  sie  zur  Ausführung, 
bald  schob  sie  diese  wieder  auf;  Mut  wechselte  mit  Angst,  Ver- 
zweiflung mit  Zorn,  ja,  was  das  Schlimmste  war:  dasselbe  Wesen 
fiösste  ihr  Entsetzen  als  Ungeheuer  und  Zuneigung  als  ihr  Geliebter 
ein.  Als  es  aber  auf  die  Nacht  ging,  rüstete  sie  hastig  alles  für  die 
Frevelthat  zu.  Nun  kam  die  Nacht  und  mit  ihr  der  Geliebte,  der 
nach  der  Umarmung  seiner  Psyche  gleich  in  tiefen  Schlaf  sank. 
Diese,  sonst  ein  schwaches  und  zaghaftes  Weib,  ward  durch  ihr 
böses  Geschick  stark  und  kühn  wie  ein  Mann.  Sie  holte  die  Lampe 
und  ergriff  das  Messer.  Aber  kaum  hatte  der  Schein  des  Lichts 
das  geheimnisvolle  Lager  beleuchtet,  da  sah  sie  —  kein  wildes  Tier, 
nein,  ein  gar  sanftes  und  süsses  Wesen,  den  leibhaftigen  Amor,  den 
holden  Gott  in  holdem  Schlummer.  Es  strahlte  selbst  die  Lampe 
heller,  und  die  Schneide  des  Messers  begann  zu  funkeln.  Psyche 
aber  sank  leichenblass  und  vor  Schreck  zitternd,  wie  ohnmächtig 
in  die  Kniee.  Sie  war  schon  im  Begriff,  sich  das  Messer  selbst 
in  die  Brust  zu  stossen,  doch  entglitt  es  ihrer  Hand.  Endlich  kam 
sie  wieder  zu  sich  selbst  und  stand  nun  versunken  in  die  Schön- 
heit des  Götterantlitzes.  Sie  sah  das  üppige,  von  Ambrosia  glänzende 
Haar  des  goldigen  Hauptes,  dessen  Locken  über  die  purpurnen 
Wangen  und  den  schneeigen  Nacken  in  zierlich  gekräuselten  Ringeln 
wallten.     An    den    Schultern    des    weichen    und    zarten    Körpers 

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schimmerten  die  Federn  wie  Tautropfen  auf  Blüten,  und,  ohwohl 
die  Scliwingen  ruhten,  trieben  die  äussersten  Flaumfederchen,  unter 
seinen  Atemzügen  lieblich  vibrierend,  ein  munteres  Spiel.  Venus 
durfte  stolz  auf  einen  so  herrlichen  Sohn  sein.  An  den  Bett- 
füssen  lagen  Pfeile,  Bogen  und  Köcher,  des  mächtigen  Gottes 
holdselige  Waffen.  Psyche  konnte  sich  gar  nicht  satt  an  dem 
Geliebten  sehen  und  seine  Waffen  nicht  genug  bewundern  und  be- 
tasten ;  schliesslich  nahm  sie  aus  dem  Köcher  einen  Pfeil,  um  dessen 
feine  Spitze  an  ihrem  Daumen  ganz  vorsichtig  zu  probieren.  Aber 
da  ihr  Handgelenk  noch  immer  zitterte,  ging  der  Stich  etwas  zu  tief, 
so  dass  ein  Tröpflein  ihres  Purpurblutes  durch  die  Haut  rieselte. 
So  kam's,  dass  sie,  ohne  es  zu  wissen  und  zu  wollen,  sich  dem  Gott 
der  Liebe  ganz  zu  eigen  gab.  Liebeglühend  beugte  sie  sich  über  ihn 
und  bedeckte  ihn  mit  heissen,  stürmischen  Küssen,  dass  sie  fürch- 
tete, er  werde  davon  erwachen.  Während  so  ihre  liebeswunde  Brust 
in  Seligkeit  wallte,  fiel  von  der  verräterischen  Lampe  ein  Tropfen 
siedendes  Oel  auf  die  rechte  Schulter  des  Gottes.  Der  sprang  vor 
Schmerz  empor;  als  er  sah,  wie  schmählich  sie  ihr  Wort  gebrochen, 
flog  er  sofort,  ohne  ein  Wort  zu  sagen,  aus  den  Augen  und  Armen 
seiner  trostlosen  Geliebten  davon.  Aber  Psyche  umklammerte  sogleich 
seinem  rechten  Fuss,  um  ihn  so  auf  seinen  Flug  durch  die  Wolken- 
regionen zu  begleiten;  doch  bald  sank  sie  müde  zu  Boden  nieder. 
Als  der  Gott  die  Geliebte  so  daliegen  sah,  konnte  er  es  nicht  über 
sich  gewinnen,  sie  gleich  zu  verlassen:  er  flog  auf  eine  nahe  Cypresse 
und  sprach  zu  ihr  tiefbetrübt  von  deren  hohem  Wipfel:  „Einfältige 
Psyche,  trotz  des  Befehls  meiner  Mutter  Venus,  dich  der  Begierde 

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eines  Elenden  aus  der  Hefe  des  Volks  auszuliefern,  bin  ich  zu  dir 
auf  Flügeln  der  Liebe  gekommen.  Ein  Thor  war  ich  und  ein 
schlechter  Schütze,  der  ich  mich  selbst  mit  meinem  Pfeile  traf  und 
dich  zu  meiner  Geliebten  erhob,  auf  dass  du  mir  wie  einem  wilden 
Tier  mein  Haupt  vom  Rumpfe  zu  trennen  suchtest,  mein  Haupt 
mit  diesen  Augen,  die  sich  in  dich  verliebt!  Wie  oftmals  hab'  ich 
dich  gewarnt,  wie  oft  in  Güte  dich  gemahnt!  Doch  deine  schlechten 
Ratgeberinnen  sollen  mir  sofort  für  ihre  böse  Lehre  büssen;  dich 
straf  ich  nur  mit  meiner  Flucht."  Sprach's  und  schwang  sich  hoch 
gen  Himmel.  Psyche  verfolgte,  am  Boden  hingestreckt,  unter  lauten 
Klagen  den  Flug  des  Geliebten,  so  weit  sie  konnte.  Als  er  ihr  aber, 
von  seinen  Fittichen  in  unermessliche  Fernen  emporgetragen,  unkennt- 
lich geworden  war,  stürzte  sie  sich  kopfüber  in  den  nahen  Strom. 
Aber  der  Flussgott  trug  sie,  aus  Furcht,  er  werde  sonst  die  Macht  des 
Liebesgottes  an  sich  selbst  erfahren,  ihm  zu  Ehren  schleunigst  in 
sanftem  Wirbel  auf  eine  Blumenwiese  an  seinem  Ufer.  Dort  sass 
gerade  Pan,  der  Hirtengott,  in  seinen  Armen  Echo,  die  Berggöttin, 
die  er  unterwies,  Rufe  aller  Art  im  Wiederhall  melodisch  zurück- 
zugeben; seine  Zicklein  hüpften  frei  umher  ganz  nahe  am  Ufer  und 
rupften  das  saftige  Gras  der  Weide.  Der  bocksfüssige  Gott  rief  die 
zu  Tode  betrübte  Psyche,  deren  Unglück  er  kannte,  freundlich  zu 
sich  und  suchte  sie  mit  mildem  Zuspruch  zu  trösten:  „Du  allerliebstes 
Mädchen,  freilich  bin  ich  nur  ein  bäurischer  Hirt,  aber  ein  gar  alter 
Mann  und  daher  reich  an  Erfahrung.  Nach  deinem  unstäten  Gang, 
der  Blässe  deines  Gesichts,  deinem  beständigen  Seufzen  und  deinem 
traurigen  Blick  zu  urteilen,  leidest  du  an  unglücklicher  Liebe.  Nun 
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höre,  was  ich  dir  sage:  versuche  nicht  zum 
zweitenmal,  dein  Leben  gewaltsam  zu  beendi- 
gen, und  gräme  dich  nicht  mehr,  sondern  bete 
zu  dem  mächtigen  Amor,  dessen  Gnade  du  dir  durch  Schmeicheln 
und  Gehorsam  verdienen  musst."  Psyche  erwies  dem  Hirtengott 
zum  Dank  für  seine  huldreichen  Worte  stumm  die  schuldige  Ver- 
ehrung, und  ging  dann  ihres  Weges.  So  schleppte  sie  sich  ziellos 
ein  gutes  Stück  weiter.  Endlich  kam  sie,  als  es  schon  dunkel  wurde, 
auf  einem  Fusssteig,  ohne  es  zu  wissen,  zu  der  Stadt,  wo  der 
Gemahl  einer  ihrer  Schwestern  König  war.  Da  Hess  sie  sich  bei 
ihrer  Schwester  melden  und  wurde  gleich  vorgelassen.  Sie  begrüssten 
und  umarmten  sich;  dann  antwortete  Psyche  auf  die  Frage  nach 
dem  Grund  ihres  Kommens:  „Du  erinnerst  dich  an  euern  Rat,  das 
Tier,  das  sich  für  meinen  Geliebten  ausgab  und  neben  mir  ruhte, 
mit  einem  scharfen  Messer  zu  töten,  bevor  es  mich  Arme  gierig  ver- 
schlänge.    Aber   kaum    hatte   ich  ihm  mit  der  Lampe   ins  Gesicht 

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geleuchtet,  als  ich  ein  Wunder  gewahrte, 
ein  wahres  Götterschauspiel:  es  war  Amor, 
der  leibhaftige  Sohn  der  Venus,  der  da  in 
holdem  Schlummer  lag.  Während  mich  der  Anblick  solcher  Herr- 
lichkeit erschauern  machte,  wollte  es  der  böse  Zufall,  dass  von  der 
Lampe  ein  Tropfen  siedendes  Oel  auf  seine  Schulter  fiel.  Vor  Schmerz 
fuhr  er  aus  dem  Schlaf  empor  und  sah  mich  mit  dem  Licht  und 
dem  Messer  vor  sich  stehn.  ,Hebe  dich,  sprach  er,  zum  Lohn  für 
solche  Unthat  sofort  hinweg  von  meinem  Lager  und  gehe  deiner 
Wege;  ich  aber  werde  mich  gleich  mit  deiner  Schwester  —  dabei 
nannte  er  deinen  Namen  —  in  allen  Formen  Rechtens  vermählen.' 
Dann  rief  er  sofort  den  Zephyr,  der  mich  von  dannen  trug."  Psyche 
hatte  noch  nicht  ausgeredet,  als  jene,  von  wilder  Begierde  und 
Eifersucht  getrieben,  sofort  ein  Schiff  bestieg,  nachdem  sie  ihrem 
Gatten  vorgelogen,  sie  habe  die  Kunde  vom  Tode  ihres  Vaters  er- 
halten. Bei  dem  Felsen  angekommen,  achtete  sie,  von  Erwartung 
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und  Gier  verblendet,  gar  nicht  darauf,  dass  Zephyr  nicht  zur 
Stelle  war,  sondern  mit  den  Worten  „nimm  mich,  Amor,  hin,  als 
deiner  würdige  Gattin;  fang'  deine  Herrin,  Zephyr,  auf",  sprang 
sie  in  die  Tiefe.  Aber  sie  sollte  ihr  Ziel  nicht  einmal  tot  erreichen: 
die  Zacken  des  Felsens  zerschmetterten  ihre  Glieder,  so  kam  sie 
um,  die  Böse,  den  Vögeln  und  Tieren  zum  Frass.  Der  ersten 
Strafe  folgte  die  zweite  auf  den  Fuss.  Denn  Psyche  kam  auf  ihrer 
Irrfahrt  auch  in  die  Stadt,  in  der  ihre  zweite  Schwester  wohnte.  Auch 
diese  liess  sich  täuschen  und  kam  auf  dieselbe  Weise  elendiglich  um. 


Viertes  Kapitel  ^ 
Venus  und  Amor 

Während  so  Psyche  auf  der  Suche  nach  Amor  von  Land  zu 
Land  wanderte,  lag  dieser  mit  seiner  Brandwunde  stöhnend  im 
Boudoir  seiner  Mutter.  Da  tauchte  die  schneeweisse  Möve,  die  über 
den  Meeren  schwebt,  in  die  Tiefe  des  Oceans  unter,  wo  Venus  im 
Bade  schwamm.  Ihr  meldete  der  Vogel,  dass  ihr  Sohn  an  einer 
schmerzhaften  Brandwunde  daniederliege  und  dass  sie  mit  ihrer 
ganzen  Familie  in  das  böse  Gerede  der  Menschen  auf  der  ganzen 
Welt  komme.  „Dein  Sohn,  murren  sie,  buhle  mit  einem  Liebchen  im 
Gebirge,  du  seist  fern  im  Ocean,  und  in  eurer  Abwesenheit  gäbe  es 
nicht  Lust  noch  Liebe,  keine  Freundschaften,  keine  Ehegemeinschaften 
und  keine  Kinderfreuden;  das  ganze  Leben  habe  seinen  Reiz  und 
seine  Grazie  verloren  und  nur  hässliche  Orgien  fänden  statt."    Diese 

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Worte  plapperte  der  vorwitzige  Vogel  der  Venus  ins  Ohr,  um  ihren 
Sohn  bei  ihr  anzuschwärzen.  „Also  —  rief  sie  erregt  aus  —  hat 
mein  braver  Sohn  schon  ein  Liebchen?  Nenne  mir,  einzig  treue 
Dienerin,  den  Namen  der  Verführerin  des  anständigen,  kaum  den 
Kinderschuhen  entwachsenen  Knaben,  sei's  eine  Nixe  oder  Elfe, 
sei's  eine  von  meinen  Huldinnen  oder  eine  vom  Musenchor."  „Das 
weiss  ich  nicht,  Herrin  —  sprach  der  plauderhafte  Vogel  — ;  sie 
heisst  aber,  wenn  ich  den  Namen  richtig  behalten  habe,  Psyche,  und 
er  ist,  glaub'  ich,  in  sie  bis  über  die  Ohren  verliebt."  „ist's  möglich 
—  rief  Venus  empört  — ,  in  Psyche,  meiner  Schönheit  und  meines 
Namens  Nebenbuhlerin,  hat  sich  das  Bürschchen  verliebt?  Er  muss 
mich  also  für  eine  Kupplerin  gehalten  und  geglaubt  haben,  dass  ich 
ihm  die  Dirne  zu  dem  Zweck  zeigte,  um  seine  Bekanntschaft  mit  ihr 
zu  vermitteln!"  Mit  diesen  Scheltworten  tauchte  sie  schnell  aus  dem 
Meere  empor  und  eilte  gradeswegs  in  ihr  güldnes  Schlafzimmer,  wo 
sie  wirklich  ihren  Sohn  krank  liegend  fand.  „Das  passt  ja  —  rief 
sie  schon  in  der  Thür  laut  scheltend  —  recht  nett  zu  deiner  Her- 
kunft und  zu  deiner  Artigkeit!  Nicht  genug,  dass  du  meine,  deiner 
Mutter  und  Herrin,  Befehle  mit  Füssen  tratest  und  meine  Feindin 
nicht  durch  eine  Ehe  mit  einem  gemeinen  Menschen  straftest:  nein, 
du  Ausbund,  du  unreifer  Junge,  hast  sie  selbst  in  deine  Arme  ge- 
nommen! ich  soll  mir  wohl  meine  Feindin  als  Schwiegertochter  ge- 
fallen lassen?  Du  bildest  dir  wohl  ein,  du  Hanswind,  du  Mädchen- 
verführer, du  ungezogener  Knabe,  du  seist  allein  der  Prinz  und  ich 
zu  alt,  um  Mutter  eines  zweiten  werden  zu  können?  So  wisse  denn, 
dass  ich  einen  weit  besseren  Bruder  an  deine  Stelle  treten  lassen 

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werde.  Doch  nein:  das  wäre  nicht  genug  des  Schimpfs  für  dich. 
Ich  werde  einen  meiner  Pagen  adoptieren  und  ihm  diese  Flügel, 
Fackeln,  Bogen  und  Pfeile,  kurz,  mein  ganzes  Gerät  schenken,  das 
ich  und  dein  Vater  dir  wahrlich  nicht  dazu  gegeben  hatten,  dass  du 
dich  so  damit  aufführtest.  Aber  du  bist  von  Kindheit  an  missraten  ge- 
wesen: dir  prickelte  es  oft  in  den  Fingern,  unehrerbietigerweise  deine 
Eltern  zu  verwunden,  ja  mich,  deine  liebreiche  Mutter,  misshandelst 
du  täglich,  denn  du  hast  vor  mir,  als  einer  alleinstehenden  Frau, 
ganz  und  gar  keinen  Respekt  und  selbst  vor  deinem  Stiefvater,  dem 
gewaltigen  Kriegsmann,  bist  du  nicht  bange;  wie  solltest  du  auch 
wohl?  pflegst  du  ihm  doch,  mir  zum  Verdruss,  mit  Dirnen  auf- 
zuwarten. Aber  warte  nur,  bald  sollst  du  dein  Spiel  bereuen  und 
die  Bitternis  deiner  Liebelei  zu  schmecken  bekommen!  —  Wenn  ich 
nur  erst  wüsste,  durch  welche  Mittel  und  Wege  ich  dem  Spitzbuben, 
der  mich  zum  besten  gehabt  hat,  das  Handwerk  legen  könnte!  Soll 
ich  meine  ärgste  Feindin  Massigkeit  zu  Hilfe  rufen,  sie,  die  ich  grade 
dank  dieses  übermütigen  Knaben  so  oft  beleidigt  habe?  Nein,  mir 
graut  davor,  mich  persönlich  an  die  unfeine  Person  zu  wenden.  Und 
doch:  Rache  ist  süss,  und  da  gilt's  nicht  wählerisch  in  den  Mitteln 
zu  sein;  sie  und  keine  andere  muss  mir  dabei  helfen,  den  Tauge- 
nichts zu  züchtigen,  ihm  seine  Waffen  zu  rauben  und  ihn  am  eignen 
Leibe  einer  energischer  Kur  zu  unterziehen.  Erst  dann  will  ich  den 
mir  zugefügten  Schimpf  als  gesühnt  ansehen,  wenn  sie  ihm  die 
Locken  geschoren  hat,  die  ich  oft  streichelte,  dass  sie  goldig  schim- 
merten, und  wenn  sie  ihm  die  Flügel  gestutzt  hat,  die  ich  ihm  auf 
meinem  Schosse  oft  mit  balsamischem  Nektar  beträufelte."  Nach 
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diesen  Worten  stürzte  sie  hinaus,  Hass  und  Groll  im  Herzen. 
Da  begegneten  ihr  Ceres  und  Juno.  Als  diese  den  Zorn  in  ihren 
Mienen  sahen,  fragten  sie,  warum  sie  mit  ihren  holdseligen  Augen  so 
finster  dreinschaue.  Doch  Venus  erwiderte:  „Ihr  kommt  mir  grade 
recht,  um  mir  in  meiner  Erregung  eine  Gefälligkeit  zu  erweisen. 
Helft  mir,  bitte,  nach  Kräften  bei  der  Suche  nach  der  entlaufenen 
Psyche.  Ihr  wisst  ja  um  den  Familienskandal,  den  mein  sauberer 
Sohn  angerichtet  hat."  Jene  waren  natürlich  von  allem  unterrichtet, 
versuchten  aber  doch,  ihren  Zorn  zu  besänftigen.  „Ist's  denn  wirk- 
lich etwas  so  Schlimmes,  Verehrteste,  was  dein  Sohn  verbrochen 
hat,  dass  du  seinen  Vergnügungen  hartnäckig  in  den  Weg  treten  und 
auf  den  Tod  seiner  Geliebten  sinnen  müsstest?  War  es  denn  in  aller 
Welt  ein  Verbrechen,  dass  er  ein  Auge  auf  das  hübsche  Mädchen 
geworfen  hat?  Du  vergisst  doch  nicht,  dass  er  ein  junger  Bursche 
in  der  Blüte  seiner  Jahre  ist?  oder  glaubst  du  etwa,  weil  er  für  sein 
Alter  noch  so  niedlich  aussieht,  er  sei  noch  ein  Knabe?  Du,  seine 
Mutter  und  eine  so  verständige  Frau,  willst  noch  immer  auskund- 
schaften, womit  dein  Sohn  sich  amüsiert,  ihm  seine  Liebesabenteuer 
unter  Scheltworten  untersagen  und  deine  eignen  galanten  Künste 
einem  so  schönen  Sohne  zum  Vorwurf  machen?  Götter  und  Men- 
schen werden  Einspruch  dagegen  erheben,  dass  du,  die  du  die  Saat 
der  Leidenschaften  über  die  garrze  Welt  ausstreuest,  durch  so  strenge 
Behandlung  deines  Amor  ihnen  die  Möglichkeit  rauben  willst,  sich 
den  Freuden  der  Liebe  hinzugeben."  So  nahmen  sie  aus  Gefälligkeit 
die  Partei  Amors  und  schmeichelten  ihm  aus  Furcht,  er  möchte  sich 
sonst  an  ihnen  mit  seinen  Pfeilen  rächen.    Venus  aber  war  empört, 

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dass  man  sie  bei  dem  ihr  geschehenen  Unrecht  noch  zum  besten 
habe:  sie  kehrte  ihnen  den  Rücken  und  eilte  in  die  Tiefe  des 
Oceans. 

Fünftes  Kapitel  ^®®m^ 
Die  Wanderungen  Psyches 

Unterdessen  irrte  Psyche  ohne  Ruhe  und  Rast  umher,  Tag  und 
Nacht  auf  der  Suche  nach  dem  Geliebten,  fest  entschlossen,  sei's 
durch  schmeichelnde  Liebkosungen,  sei's  durch  demütige  Bitten  seine 
Verzeihung  zu  gewinnen.  Da  sah  sie  von  fern  einen  Tempel  auf 
ragender  Bergspitze:  „Wer  weiss,  sprach  sie  zu  sich  selbst,  ob  da 
nicht  mein  Herr  und  Gebieter  weilt."  Flugs  lenkte  sie  dorthin  ihren 
todmüden  Schritt,  den  Hoffnung  und  Sehnsucht  beschwingten.  Sie 
arbeitete  sich  den  steilen  Abhang  tapfer  hinan  und  trat  ins  Alier- 
heiligste.  Da  sah  sie  Weizen-  und  Gerstenähren  teils  in  Haufen, 
teils  zu  Kränzen  gewunden.  Auch  Sicheln  waren  da  und  allerlei 
sonstige  Erntegeräte,  aber  alles  lag  unordentlich  durcheinander, 
wie  die  Arbeiter  es  in  der  Mittagshitze  grade  aus  den  Händen 
geworfen  hatten.  Psyche  legte  alles  sorgfältig  auseinander  und 
ordnete  das  Zusammengehörige;  denn  sie  glaubte  keiner  Götter 
Heiligtümer  und  Kulte  vernachlässigen,  sondern  ihrer  aller  Gnade 
und  Barmherzigkeit  in  Demut  erflehen  zu  sollen.  In  diese  Arbeit 
vertieft,  traf  Ceres  sie,  die  gnadenreiche  Göttin,  und  rief  ihr  schon 
aus  der  Ferne  zu:  „Ist's  möglich,  arme  Psyche?  Venus  verfolgt  deine 
Spur  über  die  ganze  Erde  und  wendet  all  ihre  Kraft  daran,  sich  an 
dir  grimmig  zu  rächen,  und  du  mühst  dich  in  meinem  Dienst  und 
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denkst  an  etwas  andres 
als  an  deine  Sicherheit?" 
Da  warf  sich  Psyche  vor 
ihr  auf  die  Kniee,  dass 
ihre  strömenden  Zähren 
die  Füsse  der  Göttin  netz- 
ten und  ihr  Haar  den 
Staub  am  Boden  i<ehrte. 
So  betete  sie  inständigst 
um  Gnade:  „Bei  deiner 
früchtereichen  Hand  fleh'  ich  zu  dir  und  bei 
den  frohen  Erntefeiern  dir  zu  Ehren,  bei  der 
JVIysterien  heiligem  Symbol  und  bei  den  Flügel- 
drachen, die  dir  dienen,  und  bei  Siciliens  segens- 
schweren Furchen,  beim  Raub  Proserpinas,  mit  der  als  seinem  Weibe 
der  Fürst  der  Finsternis  zum  Hades  niederfuhr,  bei  ihrer  Lösung  von 
dem  Bann  der  Tiefe  durch  deiner  Fackel  Licht,  bei  allem,  was  Eleusis 
sonst  noch  deckt  mit  heiligem  Schweigen:  o  hilf  der  armen  Seele, 
die  hier  in  Demut  vor  dir  kniet!  Lass  mich  zwischen  diesen  Haufen 
von  Aehren  ein  Versteck,  wenn  auch  nur  für  ein  paar  Tage,  finden, 
bis  der  Zorn  der  grossen  Göttin  sich  gelegt  oder  doch  meine  von 
der  langen  Mühsal  erschöpften  Kräfte  sich  wieder  gesammelt  haben." 
Ihr  erwiderte  Ceres:  „Zwar  rühren  deine  Thränen  und  Bitten  mir 
das  Herz  und  gern  würde  ich  dir  helfen;  aber  damit  erwiese  ich 
meiner  lieben  alten  Freundin  und  Verwandten  einen  schlechten 
Dienst.     Entferne  dich  daher  sogleich  aus  diesem  Tempel,  und  sei 

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zufrieden,    dass   ich   dicli 
nicht    festhalte    und    ge- 
fangen setze."     So  nahm 
Psyche,  wider  ihre  Hoff- 
nung abgewiesen,  doppelt 
traurig  ihren  Weg  wieder 
auf.     Da  sah  sie  tief  im 
Thal    durch   die  Lichtung 
eines  Hains  einen  anderen, 
kunstreich  gebauten  Tem- 
pel.    Entschlossen,  kein  noch  so  ungewisses 
Mittel  zu  ihrer  Rettung  unversucht  zu  lassen, 
sondern  jeglichen  Gott  um  Gnade  anzugehen, 
nahte  sie  sich  der  heiligen  Pforte.     An  den 

Zweigen  der  Bäume  und  an  den  Thürpfosten  sah  sie  kostbare  Ge- 
schenke und  Gewänder  aufgehängt,  deren  goldgestickte  Inschriften 
verkündeten,  welcher  Göttin  und  zum  Dank  wofür  sie  geweiht  waren. 
Da  sank  sie  in  die  Kniee,  trocknete  sich  die  Thränen  und  sprach,  den 
noch  lauen  Altar  berührend,  dies  Gebet:  „Des  Himmelsvaters  Schwester 
und  Gemahlin,  magst  du  im  alten  Heiligtum  von  Samos  weilen,  das  dich 
zu  schau'n  begnadet  ward,  als  du  geboren  wurdest,  in  den  Windeln 
lagst  und  an  der  Mutterbrust;  magst  du  auf  deinem  Sternensitze 
thronen,  den  dir  Karthago  einst  geweiht,  als  dich,  die  Himmelsjungfrau, 
von  der  Burg  der  Stadt  ein  Löwenwagen  zu  den  Sternen  trug;  magst 
du  an  Inachus'  Gestade,  das  dich  als  Himmelskönigin,  des  grossen 
Donnerers  Gattin,  kennt,  in  Argos'  sangberühmten  Burgen  walten; 
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du  Hehre,  die  das  ganze  Morgenland  als  Ehestifterin  verehrt,  das 
Abendland  als  Göttin  der  Geburten:  erweise  dich  auch  mir  in 
meiner  Angst  als  Heiland,  Juno;  erbarme  dich,  du  gnadenreiche 
Helferin  der  Frau'n  in  ihrer  schweren  Not,  auch  meiner,  und  lass 
mich  Müde  Ruhe  finden  nach  soviel  Not  und  Qual."  Auf  dieses 
Gebet  erschien  ihr  sogleich  Juno  in  ihrer  vollen  Himmelsmajestät: 
„Wie  gerne,  sprach  sie,  würde  ich  mein  Haupt  zu  deinem  Flehen 
neigen!  Aber  Venus  ist  meine  Schwiegertochter,  die  ich  stets  wie 
eine  eigne  Tochter  liebte,  und  aus  Rücksicht  auf  sie  darf  ich  dir, 
ihrer  entlaufenen  Sklavin,  ohne  ihre  Genehmigung  nicht  helfen." 
So  erlitt  auch  diese  Hoffnung  Psyches  Schiffbruch.  Ganz  ver- 
ängstigt und  ausser  stände,  ihres  geflügelten  Geliebten  habhaft  zu 
werden,  ging  sie  in  ihrer  Verzweiflung  mit  ihren  eignen  Gedanken  zu 
Rate.  „Welche  Hilfe  könnte  ich  in  meinem  Leid  jetzt  wohl  noch 
suchen  oder  finden,  wo  nicht  einmal  Göttinnen,  obwohl  sie  es  gern 
gethan  hätten,  sich  für  mich  verwenden  konnten?  Unter  welchem 
Dach  soll  ich  mich  im  Dunkel  verstecken,  um  der  grossen  Venus 
allsehenden  Augen  und  ihren  Schlingen  mich  zu  entziehen?  Sei  mutig 
und  tapfer,  Psyche;  steile  dich,  da  der  letzte  Hoffnungsschimmer 
schwand,  freiwillig  deiner  Herrin  und  suche  mit  demütigem  Sinn 
noch  jetzt  ihren  grimmigen  Zorn  zu  besänftigen!  Wer  weiss,  viel- 
leicht findest  du  auch  den  lang  Gesuchten  im  Haus  seiner  Mutter 
wieder!"  So  ging  sie,  entschlossen  sich  zu  unterwerfen,  mit  sehenden 
Augen  in  ihr  Verderben,  und  überlegte,  mit  welchen  Worten  sie  ihre 
Bitte  um  Gnade  beginnen  solle. 


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Sechstes  Kapitel  ® 
Psyches  Prüfungen 

Venus  aber  war  es  müde  geworden,  die  Nachforschung  mit  irdi- 
schen Mitteln  zu  betreiben.  So  Hess  sie  sich,  um  gen  Himmel  zu 
fahren,  den  güldenen  Wagen  schirren,  ein  Hochzeitsgeschenk  Vulkans, 
von  feinster  Arbeit  und  kostbarster  Politur.  Aus  der  grossen  Schar 
von  Tauben,  die  um  das  Schlafgemach  der  Herrin  nisteten,  kamen 
vier  weisse  herstolziert  und  spannten  sich,  die  gesprenkelten  Hälse 
hin-  und  herdrehend,  willig  an  den  edelsteinbesetzten  Wagen.  Als 
die  Herrin  eingestiegen,  flogen  sie  froh  in  die  Lüfte.  Mutwillige 
Spatzen  gaben  laut  zwitschernd  dem  Wagen  Geleit,  Singvögel  ver- 
kündeten das  Nahen  der  Göttin  mit  jubelgesang,  ohne  Furcht  vor 
gierigen  Falken  und  Adlern  der  Luft.  Es  wichen  die  Wolken,  der 
Himmel  erschloss  seiner  Tochter  die  Pforten,  frohlockend  empfing 
sie  der  Aether.  Sofort  eilte  sie  zum  Palast  )upiters  und  heischte 
von  ihm  den  Dienst  Merkurs,  des  redegewandten  Gottes,  dessen  sie 
für  ihre  Zwecke  dringend  bedürfe.  Mit  dunkler  Braue  nickte  der 
König  Gewährung.  Gleich  schwebte  sie  in  Begleitung  Merkurs  froh- 
lockend vom  Himmel  hernieder.  „Mein  lieber  Bruder  aus  Arkadien," 
sprach  sie  auf  ihn  ein,  „deine  Schwester  Venus  hat,  wie  du  weisst, 
ohne  deinen  Beistand  nie  etwas  vollbracht.  Nun  ist  dir  zweifellos 
bekannt,  dass  ich  schon  lange  vergeblich  nach  meiner  Magd  suche, 
die  sich  versteckt  hält.  Es  bleibt  mir  also  nichts  übrig,  als  einen 
Preis  für  ihre  Auffindung  auszusetzen  und  den  sollst  du  durch 
öffentlichen  Heroldsruf  bekannt  machen.  Thu'  also  schnell,  wie  dir 
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rv^: 


befohlen;  vergiss  auch  ja  nicht,  die  Merkmale, 
an  denen  sie  zu  erkennen  ist,  genau  zu  be- 
zeichnen, damit  keiner,  der  sie  unerlaubter- 
weise versteckt  hält,  Unkenntnis  vorschützen  kann."  Mit  diesen 
Worten  überreichte  sie  ihm  einen  Steckbrief  auf  den  Namen  der 
Psyche  etc.  und  kehrte  nach  Hause  zurück.  Merkur  eilte  gehorsam 
durch  die  Völker  der  Erde  und  rief  überall  laut  aus:  „Bekannt- 
machung. Wenn  einer  einfangen  oder  im  Versteck  aufzeigen  kann 
die  Prinzessin,  die  entlaufene  Magd  der  Venus,  Psyche  mit  Namen, 
soll  er  es  bei  der  Venuskapellc  am  Circus  dem  Herold  Merkur  ver- 
melden. Belohnung:  sieben  Küsse  von  dem  Honigmund  der  Venus 
und  einen  extra  süssen  als  Zugabe."  Auf  diese  Bekanntmachung  hin 
brannten  alle,  sich  solchen  Preis  zu  verdienen.  Das  liess  Psyche, 
die  ja  ohnehin  entschlossen  war,  sich  zu  melden,  nicht  länger 
zaudern.  An  der  Thür  ihrer  Herrin  traf  sie  eine  Dienerin  aus  dem 
Gesinde  der  Venus,  .Liebesgemeinschaft'  mit  Namen.    Die  schrie  gleich 

44 


??^ 


aus  Leibeskräften:  „Endlich,  du  Taugenichts 
von  Magd,  fängst  du  an  zu  begreifen,  dass  du 
eine  Herrin  hast?  Oder  willst  du  dich,  un- 
verschämt wie  du  bist,  etwa  stellen,  als  wüsstest  du  nicht,  wie  wir 
uns  auf  der  Suche  nach  dir  haben  plagen  müssen?  Nur  schön,  dass 
du  grade  mir  unter  die  Finger  gekommen  bist,  denn  das  ist  so  gut,  als 
hätten  sich  die  Pforten  der  Hölle  hinter  dir  geschlossen:  lang  wirds 
nicht  mehr  dauern,  dass  du  gepeinigt  wirst  für  deinen  Trotz!"  Dabei 
fuhr  sie  ihr  dreist  ins  Haar  und  zog  sie,  ohne  dass  Psyche  Wider- 
stand zu  leisten  suchte,  hinein.  Kaum  sah  Venus  sie  vor  sich  ge- 
führt, als  sie  schadenfroh  auflachte;  dann  brach  sie  mit  zornigen 
Gebärden  in  die  Worte  aus:  „Endlich  hast  du  dich  herabgelassen, 
deine  Schwiegermutter  zu  begrüssen?  Oder  bist  du  etwa  gekommen, 
um  deinem  Liebsten,  der  von  dir  verwundet  ward  und  daniederliegt, 
einen  Krankenbesuch  abzustatten?  Doch  sei  nur  ruhig:  du  sollst  es 
bei  mir  haben,  wie  es  eine  gute  Schwiegertochter  verdient.  Heda, 
45 


Vi<^ 


Sorge  und  Trauer!"  Diesen  ihren  Mägden  überwies  Venus  sie  zur 
Folterung.  Die  peitschten  die  Aermste,  wie  ihnen  befohlen,  und 
folterten  sie  bis  zur  Erschöpfung.  In  diesem  Zustand  führten  sie  sie 
der  Gebieterin  wieder  vor.  „Sieh  da,"  sprach  diese  abermals  hohn- 
lachend, „nun  sucht  sie  mich  zu  rühren,  indem  sie  auf  das  Kind 
zeigt,  das  sie  unter  dem  Herzen  trägt  und  mit  dem  sie  mich  zur 
seligen  Grossmutter  machen  will.  Welch  ein  Glück,  dass  ich  in  der 
Blüte  meiner  Jahre  Grossmutter  werden  und  der  Sohn  einer  niederen 
Magd  mein  Enkel  heissen  soll!  Doch  wie  thöricht,  ihn  überhaupt 
deinen  Sohn  zu  nennen:  eine  ungleiche  Ehe,  die  noch  dazu  in  einem 
Landhaus  ohne  Zeugen  und  ohne  Einwilligung  des  Vaters  geschlossen 
ist,  kann  nicht  als  legitim  angesehen  werden;  folglich  wird  dein  Kind 
als  Bastard  zur  Welt  kommen."  Mit  diesen  Worten  fuhr  sie  auf  sie 
los  und  ohrfeigte  sie.  Dann  liess  sie  sich  Samen  von  Weizen,  Gerste, 
Hirse,  Mohn,  Erbsen,  Linsen  und  Bohnen  bringen,  mischte  alles  bunt 
durcheinander  zu  einem  Haufen  und  sprach  zu  ihr:  „Eine  so  häss- 
liche  Magd  wie  du  kann,  dünkt  mich,  sich  Buhlen  nur  durch  Dienst- 
beflissenheit verschaffen;  so  will  denn  auch  ich  deine  Tüchtigkeit 
einmal  probieren.  Lies  mir  dies  bunte  Gemenge  von  Samenkörnern 
auseinander  und  ordne  sie  alle  hübsch  für  sich  in  gesonderten 
Häufchen,  l^och  vor  Abend  muss  die  Arbeit  gethan  und  mir  fertig 
abgeliefert  sein!"  Darauf  begab  sie  sich  auf  eine  Hochzeitsgesell- 
schaft. Psyche  stand,  sprachlos  vor  Entsetzen  über  diesen  un- 
geheuerlichen Auftrag,  ohne  eine  Hand  zu  rühren  vor  dem  un- 
entwirrbaren Haufen  der  Samenkörner.  Da  wurde  eine  Feldameise, 
die   sich   bei  all  ihrer  Winzigkeit  doch  auf  so  schwere  Arbeit  ver- 

46 


Aal 


'.  stand,    von  Mitleid   mit  der  Geliebten  des  grossen  Gottes  erfasst; 

unter  Verwünschungen  auf  die  böse  Schwiegermutter  trippelte  sie 
rührig  hierhin  und  dorthin,  um  das  gesamte  Heer  der  anwohnenden 
Ameisen  auf  die  Beine  zu  bringen.     „Erbarmt  euch,  flinke  Kinder 
I  der  Allmutter  Erde,  eilt  hurtig  zu  Hilfe  der  Geliebten  des  Amor,  dem 

'  reizenden  Mädchen!"  Da  stürzte  sich,  Woge  auf  Woge,  in  Scharen 

heran  das  sechsfüssige  Völkchen;    eifrigst  nahm  jede  ein  Korn,  so 
sichteten  sie  den  ganzen  Haufen  nach  Art  und  Art.    Dann  machten 
sie  hurtig  sich  auf  und  davon.     Spät  abends  kehrte  Venus  heiter 
^^\     I  gelaunt  von  dem  Hochzeitsschmause  heim,  ganz  mit  schimmernden, 

balsamisch  duftenden  Rosenguirlanden  umkränzt.  Als  sie  die  Arbeit 
mit  wunderbarer  Sorgfalt  verrichtet  sah,  rief  sie:  „Micht  dein  noch 
deiner  Hände  Werk  ist  das.  Nichtswürdige,  sondern  dessen,  der 
sich  zu  deinem  und  seinem  eignen  Unglück  in  dich  verliebt  hat!" 
Dabei  warf  sie  ihr  ein  Stück  Schwarzbrot  hin  und  begab  sich  zur 
Ruhe.  Unterdessen  sass  Amor  ganz  allein  in  einem  entfernten 
Boudoir  des  Palastes  hinter  Schloss  und  Riegel,  damit  er  nicht 
durch  kecke  Streiche  seine  Wunde  verschlimmerte  oder  sich  mit 
seinem  Schatz  ein  Rendezvous  gäbe.  So  verbrachte  das  Liebespaar 
unter  einem  und  demselben  Dach,  und  doch  so  weit  getrennt,  eine 
schreckliche  Nacht.  Beim  ersten  Schimmer  der  Morgenröte  rief 
Venus  Psyche  und  sprach  zu  ihr:  „Siehst  du  dort  den  Hain,  der 
sich  längs  dem  Ufer  des  Flusses  hinzieht?  Schafe  mit  goldschim- 
merndem Vliess  weiden  dort  frei  umher.  Hole  mir  sofort  eine  Flocke 
von  der  kostbaren  Wolle.  Wie  du  sie  dir  verschaffst,  ist  deine 
Sache."     Psyche  erhob  sich  willig  —  freilich  nicht  in  der  Absicht, 

48 


^^^^^S: 


dem  Befehl  nachzukommen,  sondern  um  sich  von  dem  Felsen  in 
den  Fluss  zu  stürzen  und  so  von  ihren  Leiden  auszuruhen.  Doch 
horch,  da  klingt's  vom  Flusse  wie  sanfte  Hirtenschalmei:  es  flüstert, 
vom  säuselnden  Odem  der  Winde  leise  bewegt,  prophetisch  das 
Schilf  des  Stromes:  „Psyche,  du  Schmerzensreiche,  entweihe  meine 
heiligen  Wasser  nicht  durch  deinen  Tod,  hüte  dich  aber  auch,  dich 
der  furchtbaren  Herde  jetzt  zu  nahen,  wo  sie,  durch  die  Sonnen- 
glut erhitzt,  von  Tollwut  befallen  zu  werden  und  mit  spitzem  Hörn, 
harter  Stirn,  ja  giftigen  Bissen  die  Menschen  anzufallen  pflegt. 
Warte  vielmehr,  bis  am  Nachmittag  die  Hitze  sich  legt  und  die 
Herde,  sanft  und  zahm,  in  der  lieblichen,  vom  Fluss  aufsteigenden 
Kühle  ruht;  so  lange  kannst  du  dich  unter  der  hohen  Platane  dort 
verstecken,  die  mit  mir  aus  demselben  Fluss  trinkt.  Dann  brauchst 
du  die  Goldflocken,  die  überall  am  Gebüsch  des  nahen  Hains  hängen 
geblieben  sind,  nur  vom  Laub  abzuschütteln."  So  wies  das  liebe 
Schilf  der  armen  Psyche  den  Weg  zur  Rettung;  und  diese  sollte 
es  nicht  zu  bereuen  haben,  dass  sie  dem  guten  Rat  in  allem  folgte; 
denn  nicht  lange  dauerte  es,  da  hatte  sie  sich  einen  ganzen  Schoss 
voll  Goldflocken  stibitzt.  Die  brachte  sie  Venus.  Aber  auch  die 
glückliche  Ausführung  der  zweiten,  gefährlichen  Arbeit  trug  ihr 
nicht  die  Anerkennung  ihrer  Herrin  ein.  Vielmehr  zog  Venus  die 
Stirn  kraus  und  sprach  höhnisch:  „Ich  weiss  es  ganz  gut:  auch 
hierbei  hat  wieder  ein  anderer  seine  Hände  im  Spiel  gehabt.  Nun 
will  ich  aber  einmal  eine  besondere  Probe  anstellen,  ob  du  denn 
wirklich  gar  so  tapfer  und  klug  bist.  Siehst  du  da  die  ragende 
Spitze  des  jäh  abstürzenden  Felsens?  Aus  schwarzer  Quelle  brausen 
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finster  die  Wogen  zu  Thal;  dort  bewässern  sie,  in  einer  Mulde  ein- 
geschlossen, den  finstern  Sumpf  und  nähren  der  Hölle  bran- 
denden Strom.  Nimm  hier  dies  Fläschchen:  in  ihm  schöpfe  mir  eis- 
kaltes Mass  aus  der  Tiefe  des  Sprudels  und  bring'  es  mir  schleunigst 
herunter."  Darauf  reichte  sie  ihr  unter  Drohungen  ein  krystallenes 
Gefäss.  So  eilte  denn  Psyche  auf  die  Höhe  des  Berges,  in  der 
Hoffnung,  dort  endlich  ihr  trauriges  Dasein  zu  beschliessen.  Schon 
war  sie  dem  Gipfel  nahe,  als  sie  sich  etwas  Ungeheuerlichem  gegen- 
über sah,  das  ihr  Blut  erstarren  liess.  Ein  riesiges  Felsgrat,  dessen 
Geröll  jede  firklimmung  unmöglich  machte,  spie  aus  tiefem  Krater 
schaurige  Sprudel  aus;  die  brausten  den  Abhang  hinunter,  traten 
dann  in  einen  unterirdischen  Felsspalt  und  stürzten  unsichtbar  in 
den  nahen  Thalkessel.  Von  allen  Seiten  krochen  aus  den  f^lüften 
des  Gesteins  grausige  Drachen  hervor  mit  langgereckten  Hälsen 
und  funkelnden,  lauernden  Augen,  deren  Lider  sich  nie  schlössen. 
Nun  fing  auch  das  Wasser  selbst  an,  ihr  den  Zutritt  zu  wehren. 
„Hinweg!"  tönte  es  von  Zeit  zu  Zeit  aus  seiner  Tiefe;  „Was  thust 
du?  pass'  auf!"  „Was  treibst  du?  gieb  acht!"  „Flieh!"  „Es  ist  dein 
Tod!"  Psyche  stand  vor  Schreck  und  Verzweiflung  wie  versteinert. 
Aber  die  gütige  Fee  Vorsehung  hielt  ihre  ernsten  Augen  über  der 
armen,  unschuldigen  Seele.  Denn  plötzlich  kam  Jupiters  königlicher 
Vogel  auf  breiten  Fittigen  herangeschwebt.  Der  war  nämlich  schon 
vor  Zeiten  dem  Amor  zu  Diensten  gewesen,  als  er  unter  dessen 
Führung  den  trojanischen  Prinzen  Ganymedes  dem  Jupiter  als  Mund- 
schenken gen  Himmel  getragen  hatte.  In  Erinnerung  dessen  wollte 
er  Amor  auch  jetzt  in  Ehrfurcht  behilflich  sein  bei  der  schweren 

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Mot  seiner  Geliebten.  So  liess  er  sich  denn  aus  den  Wolken- 
regionen hernieder  und  schwebte  dem  Mädchen  zu  Häupten.  „Du 
armes  Menschenkind,"  sprach  er,  „das  du  zu  hoffen  wagst,  von 
der  verfemten  Quelle  auch  nur  einen  Tropfen  zu  rauben  oder 
auch  nur  sie  zu  berühren!  Hast  du  denn  nicht  gehört,  dass  Jupiter 
selbst  vor  diesen  Wassern  der  Hölle  bebt  und  dass  der  Schwur, 
den  ihr  Menschen  bei  der  Macht  der  Götter  leistet,  von  diesen  bei 
der  Majestät  des  Höllenstroms  geschworen  wird?  Gieb  mir  die 
Flasche!"  Sofort  packte  er  sie  und  eilte,  sie  zu  füllen.  Er  hielt 
sich  mit  seinen  Ruderschwingen  in  ruhiger  Schwebe  und  fing  so 
mitten  unter  den  zähnefletschenden,  züngelnden  Drachen  das  Wasser 
auf;  zwar  sträubte  es  sich  und  rief  auch  ihm  drohend  zu,  er  solle 
sich  in  acht  nehmen,  aber  unter  dem  Vorwande,  dass  er  es  im 
Dienst  und  auf  Befehl  der  Venus  hole,  wusste  er  sich  die  Erlaubnis 
zu  verschaffen.  Psyche  nahm  die  gefüllte  Flasche  dankbar  entgegen 
und  brachte  sie  eilends  der  Venus.  Aber  auch  hierdurch  vermochte 
sie  nicht  die  zürnende  Göttin  gnädig  zu  stimmen.  Vielmehr  rief 
diese  mit  bösem,  noch  viel  grösseres  Unheil  verheissendem  Lächeln 
sie  zu  sich  und  sprach:  „Du  bist,  wie  es  scheint,  eine  böse  Hexe, 
dass  du  solche  Befehle  so  brav  ausführen  konntest.  Aber  noch 
einen  Dienst,  mein  Püppchen,  wirst  du  mir  leisten  müssen.  Nimm 
hier  diese  Büchse  und  gehe  mit  ihr  gradeswegs  zu  Tod  und  Teufel. 
Dann  überreiche  sie  der  Proserpina  mit  den  Worten:  , Venus  lässt 
dich  bitten,  ihr  ein  Bischen  von  deiner  Schönheitssalbe  zu  schicken, 
sei's  auch  nur  so  viel,  als  für  einen  Tag  reicht.  Denn  ihre  eigne 
Schönheit  hat  sie  bei  der  Pflege  ihres  kranken  Sohnes  ganz  und  gar 
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¥'■ 


eingebüsst.'  Aber  kehre 
gefälligst  unverzüglich  zu- 
rück, denn  ich  muss  mich 
damit  schminken,  weil  ich 
das  Theater  im  Olymp  be- 
suchen will."  Nun  merkte 
Psyche,  dass  es  mit  ihr 
zu  Ende  sei,  da  sie  mit 
sehenden  Augen  in  den 
Tod,  zur  Hölle  und  ihren 
Gespenstern  wandern  sollte.  So  bestieg  sie 
denn  unverzüglich  einen  riesenhohen  Turm, 
um  sich  von  ihm  hinabzustürzen  und  so  auf 
dem  direktesten  Weg  ins  Jenseits  zu  gelangen.  Da  fing  der  Turm 
plötzlich  zu  sprechen  an:  „Wozu  willst  du  dir,  arme  Kleine,  das 
Leben  nehmen,  warum  bei  dieser  deiner  letzten  Arbeit  ohne  weiteres 
verzagen?  Denn  wenn  dein  Odem  aus  dem  Körper  floh,  wirst  du 
freilich  hinunterfahren,  aber  auf  Nimmerwiederkehr.  Höre  mich  an. 
Nicht  fern  von  hier  liegt  Sparta,  die  berühmte  Griechenstadt,  und 
in  deren  Bezirk,  tief  versteckt,  Taenarum,  wo  Dämpfe  aus  dem 
Höllenrachen  emporsteigen.  Durch  gähnende  Thore  führt  dorthin 
ein  unwegsamer  Pfad;  hast  du  den  aber  erst  hinter  dir,  so  wirst 
du  auf  gradem  Wege  zum  Palast  des  Fürsten  der  Finsternis  ge- 
langen. Doch  darfst  du  den  Weg  durch  das  Dunkel  nicht  so  mit 
leeren  Händen  antreten:  nimm  in  jede  Hand  einen  Honigkuchen  und 
in  den  Mund  zwei  Heller.   Wenn  du  dann  ein  gutes  Stück  des  Todes- 

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^^^^="-:^i 


Weges  gegangen  bist,  so 
wirst  du  einem  lahmen,  holz- 
bepaci<ten  Esel  mit  einem 
gleichfalls  lahmen  Treiber 
begegnen.  Der  wird  dich 
bitten,  ihm  einige  aus  dem 
Bündel  gefallene  Holz- 
scheite aufzuheben:  höre 
nicht  auf  ihn,  sondern  gehe 
schweigend  deines  Wegs. 
Darauf  wirst  du  bald  zum  Totenfluss  kommen. 
Charon  ist  sein  Ferge,  auf  einem  Binsenkahn  setzt 
er  die  Wanderer  über,  doch  erst  nach  Empfang 
des  Fährgeldes:  denn  auch  das  Sterben  ist  nicht  umsonst,  und  Hab- 
sucht regiert  bei  den  Toten  wie  bei  den  Lebenden.  Diesem  schmutzigen 
Alten  nun  gieb  als  Fährlohn  den  einen  der  beiden  Heller,  lass  ihn 
dir  aber  von  ihm  eigenhändig  aus  dem  Munde  nehmen.  Bei  der 
Ueberfahrt  über  den  trägen  Strom  wird  ein  toter  Greis  heran- 
geschwommen kommen,  seine  welken  Hände  emporheben  und  dich 
anflehen,  ihn  in  den  Kahn  zu  ziehen.  Lass  dich  nicht  erweichen, 
denn  Mitleid  ist  verboten.  Ein  Stückchen  weiter  am  jenseitigen  Ufer 
werden  alte  Weiber,  die  mit  Weben  beschäftigt  sind,  dich  bitten, 
ihnen  ein  wenig  dabei  zu  helfen.  Doch  auch  dies  darfst  du  nicht 
gewähren:  denn  diese  und  viele  anderen  Fallstricke  legt  dir  Venus, 
damit  du  einen  der  beiden  Honigkuchen  aus  der  Hand  fallen  lassest. 
Das  aber  wäre,  trotz  der  Wertlosigkeit  des  Gegenstandes,  ein  un- 
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ersetzlicher  Verlust,  der  dir  die  Rückkehr 
zum  Licht  unmöglich  machen  würde.  Denn 
auf  der  Schwelle  der  Totenhalle  liegt,  ewig 
wach  zur  Hut  des  öden  Palastes  des  Höllenfürsten,  ein  riesiger 
Hund  mit  drei  furchtbaren  Köpfen:  wie  Donner  tönt  sein  Geheul, 
vor  dem  selbst  die  Toten,  denen  er  doch  nichts  mehr  anhaben  kann, 
erbeben.  Stopfe  ihm  das  Maul  mit  einem  Kuchen,  dann  wirst  du 
leicht  an  ihm  vorbeikommen  und  bei  Proserpina  eintreten.  Sie  wird 
dich  gütig  und  liebevoll  empfangen  und  dich  auffordern,  dich  auf 
einen  bequemen  Stuhl  zu  setzen  uud  ein  leckeres  Mahl  zu  dir  zu 
nehmen.  Statt  dessen  setze  dich  auf  den  Boden  und  bitte  um 
Schwarzbrot  zum  Essen.  Darauf  melde  ihr  den  Zweck  deines 
Kommens.  Hast  du  das  Verlangte  aus  ihren  Händen  erhalten,  so 
mache  dich  auf  den  Rückweg,  wirf  dem  wütigen  Hund  den  zweiten 
Kuchen  vor  und  gieb  dem  habsüchtigen  Fergen  den  aufgesparten 
zweiten  Heller,  für  den  er  dich  wieder  übersetzen  wird.     So  wirst 

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du  auf  demselben  Wege  wieder  emporsteigen 
zur  Welt  des  Lichts.  Vor  allen  Dingen  warne 
ich  dich  aber  davor,  die  mitgebrachte  Büchse 
neugierig  zu  öffnen  und  hineinzusehen:  denn  der  kostbare  Inhalt 
gehört  nicht  dir."  So  sprach  prophetisch  der  Turm.  Psyche  eilte 
unverzüglich  nach  Taenarum  und  stieg  mit  Hellern  und  Kuchen  den 
Weg  zur  Hölle  hinab,  ging  schweigend  an  dem  lahmen  Eseltreiber 
vorüber,  gab  das  Fährgeld  dem  Fergen,  kümmerte  sich  nicht  um 
das  Flehen  des  heranschwimmenden  Toten  und  die  listigen  Bitten 
der  Weberinnen,  schläferte  den  wütenden  Hund  durch  den  Kuchen 
ein  und  kam  so  zum  Palast  der  Proserpina,  die  sie  gastlich  auf- 
nahm. Aber  sie  dankte  für  den  weichen  Pfühl  und  die  reichen 
Speisen,  setzte  sich  vielmehr  demütig  ihr  zu  Füssen  und  begnügte 
sich  mit  gewöhnlichem  Brot.  Darauf  bestellte  sie  die  Botschaft  der 
Venus.  Sofort  bekam  sie  die  geheimnisvolle  Büchse  verschlossen 
ausgeliefert  und  kehrte  auf  demselben  Wege,  wie  befohlen,  aus  der 
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Hölle  ans  Tageslicht  zurück,  das  sie  in  Anbetung  begrüsste.  Trotz 
des  Wunsches,  ihren  Dienst  zu  beendigen,  wurde  sie  von  sträflicher 
Neugierde  ergriffen.  „Ich  wäre  doch  eine  Thörin,"  sagte  sie  zu 
sich  selbst,  „wenn  ich  das  himmlische  Schönheitsmittel  bloss  trüge 
und  nicht  ein  ganz  klein  wenig  davon  probierte,  um  so  meinem 
Geliebten  wieder  zu  gefallen."  Mit  diesen  Worten  öffnete  sie  die 
Büchse.  Aber  nichts  Greifbares  war  darin,  sondern  tiefer  Schlaf, 
der  leibhaftige  Sohn  des  höllischen  Dunkels.  Kaum  war  der  Deckel 
abgehoben,  als  der  sich  ihrer  bemächtigte  und  dichte  Nacht  und 
Betäubung  über  alle  ihre  Glieder  ausbreitete.  Ohnmächtig  brach 
sie  auf  dem  Fleck  zusammen  und  lag  in  seinem  Bann  unbeweglich, 
wie  tot,  da. 

Siebentes    Kapitel 
Psyches  Erlösung 

Unterdessen  war  Amors  Wunde  vernarbt,  und  er  konnte  es 
nicht  mehr  aushalten  ohne  seine  Geliebte.  So  schlüpfte  er  aus 
einem  hohen  Fenster  des  Schlafzimmers,  in  dem  er  gefangen  sass, 
hinaus;  seine  durch  die  lange  Ruhe  gekräftigten  Flügel  trugen  ihn 
schnell  zu  seiner  Psyche.  Er  scheuchte  den  Schlaf  hinweg,  steckte 
ihn  wieder  in  die  Büchse  und  weckte  Psyche  mit  einem  sanften 
Stich  seines  Pfeils.  „Sieh,"  sprach  er,  „mein  armes  Mädchen,  da 
wäre  die  Neugierde  fast  zum  zweiten  Mal  dein  Verderben  gewesen! 
Jetzt  aber  entledige  dich  brav  des  Auftrags  meiner  Mutter;  für  alles 
andre   lass   mich    sorgen."     Mit   diesen  Worten   flog   er   leicht  be- 

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^^)M'i  "^'J^yM^/  ^iMn^iML-^^^m^u^iU^i  >ä.)ci^Ulfj'<^kJ^L^, 


-^p-^7^\i'Hi^i  M^i^n  jj^htJiMM 


schwingt  von  dannen,  während  Psyche  das  Geschenk  der  Proserpina 
schnell  zu  Venus  trug.  Mun  kam  Amor,  krank  vor  Liebesgram  und 
bange  vor  seiner  strengen  iVlutter,  auf  den  Gedanken,  seine  alten 
Schliche  einmal  wieder  zu  probieren.  Er  schwang  sich  hoch  zum 
Himmel  empor,  warf  sich  Vater  Jupiter  zu  Füssen  und  trug  ihm 
sein  Anliegen  vor.  Da  zog  ihn  Jupiter  an  sich,  gab  ihm  einen  herz- 
haften Kuss  auf  seine  weiche  Wange  und  sprach  zu  ihm:  „Zwar 
hast  du,  mein  Herr  Sohn,  mir  nie  die  mir  als  dem  höchsten  Gott 
vertragsmässig  zuerkannte  Ehrerbietung  erwiesen,  sondern  mein 
Herz,  nach  dessen  Willen  die  Elemente  ihre  Gesetze  und  die  Ge- 
stirne ihre  Bahnen  einhalten,  unaufhörlich  verwundet  und  in  den 
Staub  irdischer  Leidenschaft  hinabgezogen,  hast  mich  und  meinen 
guten  Namen  durch  kompromittierende  Liebesabenteuer  in  Konflikt 
mit  dem  Strafgesetzbuch  und  der  Polizeiordnung  gebracht  und  meine 
himmlische  Majestät  in  Feuer,  Schlangen  und  Vögel,  in  die  Tiere 
des  Waldes  und  der  Wiesen  schimpflich  verwandelt.  Trotz  alle  dem 
will  ich,  milde  wie  ich  bin  und  weil  du  unter  meinen  Augen  auf- 
gewachsen bist,  alle  deine  Wünsche  erfüllen;  sei  nur  auf  der  Hut 
vor  Rivalen  in  deiner  Liebe  und  wisse,  dass  du  dich  mir  für  die 
erwiesene  Gnade  durch  das  allerschönste  Mädchen,  das  jetzt  auf 
Erden  lebt,  erkenntlich  zu  zeigen  hast."  Hierauf  befahl  er  dem 
Merkur,  sofort  alle  Götter  zu  einer  Versammlung  zu  berufen  und 
bekannt  zu  geben,  dass  der  Fehlende  mit  einer  Busse  von  10000 
Goldstücken  belegt  werden  würde.  Da  bekamen  es  die  Götter  mit 
der  Angst  und  im  Nu  war  der  himmlische  Sitzungssaal  gefüllt. 
Hoheitsvoll  hub  Jupiter  an  vom  erhabnen  Pfühl:    „Hochansehnliche 

58 


r" 


(p^EM^m 


und  erlauchte  Götterversammlung!  Es  ist  euch  allen  bekannt,  dass 
ich  die  Erziehung  des  jungen  Mannes  dort  eigenhändig  geleitet  habe; 
so  meine  ich  auch  jetzt,  wo  er  eben  zum  Jüngling  herangereift  ist, 
ihm  bei  seinem  hitzigen  Temperament  einen  Zügel  anlegen  zu  sollen. 
Kein  Tag  vergeht,  ohne  dass  er  seinem  guten  Ruf  durch  Liebeleien 
und  Verführungen  schadet.  Die  Sache  soll  ein  Ende  haben:  wir 
müssen  dem  lockeren  Burschen  ein  für  alle  Male  das  Handwerk 
legen,  indem  wir  ihn  in  die  Fesseln  der  Ehe  schmieden.  Mit  dem 
Mädchen  seiner  Wahl  hat  er  schon  ein  Verhältnis  angeknüpft:  er 
soll  es  als  sein  angetrautes  Eheweib  besitzen  und  in  ihren  Armen 
ewiger  Liebe  sich  freuen."  Und  zu  Venus  gewandt  fuhr  er  fort: 
„Sei  nicht  böse,  Tochter,  und  fürchte  nicht,  eine  Ehe  deines 
Sohnes  mit  einer  Sterblichen  passe  nicht  in  deine  Familie  von  altem 
Ade!  und  Stand.  Ich  werde  dafür  sorgen,  dass  die  Ehe  keine  un- 
gleiche, sondern  eine  nach  allen  Formen  Rechtens  gültige  werde." 
Schnell  liess  er  durch  Merkur  Psyche  in  den  Himmel  entführen. 
Dort  reichte  er  ihr  eine  Schale  Ambrosia  und  sprach:  „Koste, 
Psyche,  und  sei  unsterblich.  Nie  wird  sich  Amor  von  dir  scheiden, 
ihr  seid  vermählt  in  alle  Ewigkeit!"  Und  nun  ging's  unverzüglich 
zu  einem  prächtigen  Hochzeitsschmaus.  Den  Ehrenplatz  hatte  der 
junge  Ehemann,  an  ihn  schmiegte  sich  Psyche.  So  sass  auch  Jupiter 
neben  seiner  Juno,  dann  folgten  der  Reihe  nach  die  anderen  Götter 
und  Göttinnen.  Nektar  wurde  dem  Jupiter  von  seinem  Mundschenken 
Ganymedes,  den  andern  von  Bacchus  kredenzt;  Vulkan  war  Koch 
des  Mahls.  Mit  purpurglühenden  Blumen  schmückten  die  Hören 
die  Tafel,  balsamisch  duftende  üele  sprengten  die  Grazien,  lieblich 
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sangen  die  Musen  und  Phoebus  schlug  in  die  Saiten.  Dann  trat 
Venus  auf  und  wand  sich  in  lieblichen  Tänzen  zum  Klange  der 
Musik:  die  Musen  sangen  im  Chore,  der  Satyr  spielte  die  Flöte  und 
Pan  auf  der  Schalmei.  So  ward  Psyche  dem  Amor  feierlich  an- 
getraut.    Sie  genas  einer  Tochter;  die  heisst  „Lust". 


Ende. 


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Anmerkung  ^^^ 
des   Uebersetzers 

Das  Märchen  von  Amor  und  Psyche  ist  eine  Episode  des  Romans, 
den  Apulejus,  ein  litterarischer  Schöngeist  aus  der  romanisierten 
Provinz  Afrika,  im  2.  Jahrhundert  n.  Chr.  verfasst  hat.  Der  an- 
mutige Stoff,  der  sich  vielfach  mit  Motiven  unserer  eignen  Märchen- 
poesie berührt,  hat  seit  der  Renaissance  Künstler  zur  bildlichen 
Darstellung,  Dichter  zur  Nachschöpfung  gereizt:  es  seien  nur  die 
Namen  Raffael,  Canova  und  Thorwaldsen,  La  Fontaine,  Moliere  und 
Corneille  genannt;  auch  Goethe  interessierte  der  Stoff.  Und  doch 
besitzen  wir  in  der  Erzählung  des  Apulejus  nur  ein  trübes  Bild  von 
dem  reinen  Glänze,  in  dem  dies  Märchen  gestrahlt  haben  muss, 
bevor  es  durch  den  lateinischen  Bearbeiter  verfälscht  wurde.  Es 
steht  nämlich  fest,  dass  Apulejus  den  Stoff  aus  einer  uns  verlorenen 
griechischen  Vorlage  entnommen  hat,  und  dass  nur  die  Form,  in  die 
er  ihn  kleidete,  sein  Eigentum  ist.  Der  Grieche  hatte  das  Märchen 
so  erzählt,  wie  wir  es  verlangen:  in  naivem  Ton  und  einfacher 
Sprache;  man  lese,  um  sich  davon  zu  überzeugen,  nur  die  ersten 
Worte,  die  der  lateinische  Bearbeiter  wörtlich  übersetzte  und  die 
uns  auch  aus  unserm  Märchenstil  so  vertraut  sind.  Leider  steht 
jedoch  solche  genaue  Wiedergabe  des  griechischen  Originals  bei 
Apulejus  fast  vereinzelt  da:  er  musste  den  Lesern  seiner  Zeit  eine 
gepfefferte  Kost  vorsetzen,  um  ihre  für  frische  Natürlichkeit  längst 
nicht  mehr  empfänglichen  Geschmacksnerven  zu  reizen.  So  hat  er 
das  unscheinbare  und  doch  so  liebliche  Blümchen  mit  unzarter  Hand 
zerstört,  um  an  seine  Stelle  in  den  Kunstgarten  seines  Werkes  eine 
in  grellen  Farben  prangende,  aufdringliche  und  anspruchsvolle  Pracht- 
pflanze zu  setzen.  Zunächst  hat  er  das  Märchen,  um  es  seinem 
Roman  besser  einfügen  zu  können,  einer  erotisch-sinnlichen  Be- 
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arbeitung  unterzogen,  da  nur  eine  solche  Darstellung  den  damals 
gültigen  Stilgesetzen  des  Romans  entsprach.  Aber  selbst  hierbei 
ist  er  nicht  stehen  geblieben.  Um  nämlich  dem  Leser  Stoff  zum 
Amüsement  zu  bieten,  hat  er  das  romanhaft  behandelte  iVlärchen 
noch  in  die  Sphäre  burlesker  Komik  herabgezogen.  Dieser  uns  be- 
fremdliche und  oft  verletzende  Ton  war  seit  langer  Zeit  in  einer 
Spielart  der  Litteratur,  nämlich  der  prosaischen  Satire,  üblich;  es 
ist  derselbe,  den  Lucian,  der  Zeitgenosse  des  Apulejus,  so  oft  an- 
schlägt. Die  parodischen  Scenen  im  Olymp,  die  groteske  Ver- 
zeichnung der  Venus  als  keifender  Vettel  und  böser  Schwiegermutter, 
kurz  die  ganze  Herabziehung  des  Olymps  ins  Irdische  behagte  den 
antiken  Lesern  des  Apulejus  in  gleich  hohem  Masse,  wie  sie  uns 
abstösst.  Das  kommt  daher,  dass  wir  Moderne  dank  der  Kunst 
der  Renaissance  und  der  Klassicität  unserer  grossen  Dichter  wieder 
in  einem  viel  näheren  und  innigeren  Verhältnis  zum  Olymp  stehen 
als  Apulejus  und  seine  Zeitgenossen,  für  die  die  alten  Götter  fast 
nur  mehr  zur  Farce  und  possenhaften  Staffage  gut  genug  waren. 
Diese  und  andere  widerspruchsvollen  Elemente  hat  der  Schriftsteller 
zu  einer  Einheit  zu  verbinden  gesucht:  natürlich  ist  der  Versuch 
misslungen,  er  fällt  oft  aus  der  Rolle,  knüpft  Fäden  an,  um  sie  bald 
wieder  fallen  zu  lassen,  wiederholt  sich  und  verwickelt  sich  in 
Widersprüche  und  sachliche  wie  psychologische  Unwahrscheinlich- 
keiten.  —  Phantastisch  wie  der  Inhalt  ist  auch  der  Stil,  der  ent- 
sprechend der  damaligen  Mode  dem  Natürlichen  möglichst  aus  dem 
Wege  geht  und  eine  unerquickliche  Mischung  von  gekünstelter  Poesie 
und  schwülstiger  Rhetorik  darstellt;  besonders  gilt  das  von  den 
zahlreichen  Partien,  wo  Beschreibungen  und  Reden  die  Erzählung 
unterbrechen:  auch  darin  glaubte  der  Verfasser  dem  entarteten,  auf 
das  Bizarre,  Affektierte  und  Pointierte  gerichteten  Zeitgeschmack 
entgegenkommen  zu  müssen. 

62 


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Michts  spricht  wohl  mehr  für  die  Vortrefflichkeit  des  griechi- 
schen Originals  als  die  Thatsache,  dass  trotz  so  bösartiger  Ver- 
unstaltungen unser  Märchen  auf  unzählige  Generationen  bis  auf 
den  heutigen  Tag  einen  so  nachhaltigen  Eindruck  gemacht  hat,  und 
als  eine  Perle  der  antiken  Litteratur  gilt.  Es  ist  einer  von  den 
vielen  Fällen,  wo  wir  hellenischen  Geist  und  hellenische  Grazie  nur 
in  dem  Spiegelbild  lateinischer  Umbildung  zu  schauen  vermögen, 
die  zwar  fast  immer  auf  eine  Verschlechterung  hinauskommt,  den- 
noch aber  den  Glanz  des  Originals  nur  zu  trüben,  nicht  zu  tilgen 
vermag.  Der  moderne  Uebersetzer  hat  bei  einem  so  phantastischen 
Produkt  der  lateinischen  Barockzeit  keine  leichte  Aufgabe.  Soll  er 
die  Schnörkel  beibehalten  oder  versuchen,  die  wuchernden  Schling- 
pflanzen einer  zuchtlosen  Phantasie  zu  beschneiden  und  so  sich 
den  Weg  zu  bahnen  zu  der  einfachen  Natürlichkeit  des  griechi- 
schen Originals?  Leider  ist  die  Ueberarbeitung  des  Apulejus  eine 
durchgreifende,  seine  Kunst  in  der  Verkehrtheit  eine  immerhin  so 
grosse  gewesen,  dass  ein  solcher  Versuch  aussichtslos  erscheinen 
muss:  man  empfindet  die  Widersprüche  und  Einschiebsel,  ohne  sie 
doch  glatt  vereinigen  oder  loslösen  zu  können.  So  bleibt  nichts 
übrig,  als  dem  lateinischen  Schriftsteller  auf  seinen  verschlungenen 
Pfaden  zu  folgen  und  nur  mit  schonender  Hand  hie  und  da  einzelne 
allzu  grosse  Ungezogenheiten  zu  unterdrücken  oder  doch  zu  mildern. 
Eher  wird  man  sich  die  rhythmische  Sprache  gefallen  lassen,  die  der 
Uebersetzer  im  Sinn  des  lateinischen  Textes  besonders  an  gehobenen 
Partien  zu  erreichen  versucht  hat:  hierfür  ist  ja  auch  unser  Ohr 
organisiert,  wie  —  um  nur  an  das  Bekannteste  zu  erinnern  — 
Goethes  Werther  und  Egmont,  Herders  Paramythien,  sowie  unsere 
neueste  poetische  Prosa  beweisen.  —  Die  Kapiteleinteilungen  sowie 
die  Ueberschriften  rühren  vom  Uebersetzer  her. 


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Gedruckt  bei  E.  Haberland 
in  Leipzig -R.  II II II II II II  ii  ii 


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6211 
M5 
1902 


Apuleiiis  Ifedaurensis 
Amor  und  Psyche 


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